SKI-WM 2019 in Are SKI-WM 2019 in Are

Der Zirkus Knie feiert Jubiläum. Was Artisten, Arbeiter und Zuschauer seit 100 Jahren verbindet, ist ihre Begeisterung für den Zirkus. Und Kohlenhydrate und Kalorien.

Danny Schlumpf (Text), Philippe Rossier (Foto, Video) und Tyron Kaiser (Video)

Die Sonne über St. Gallen senkt sich, im Zirkus Knie gehen die Lichter an. Nicht nur über dem neuen Zirkuszelt, dessen riesige rot-weisse Blache im Flutlicht erstrahlt. Auch der grosse Buffet-Wagen vor dem Chapiteau beginnt zu leuchten. Und die Augen von Mike Wipf (52), als er die ersten Besucher begrüsst.


Das Buffet ist die Visitenkarte des Zirkus

An Mike gehen sie alle vorbei. Und viele machen bei ihm halt. «Unser Auftritt hat Signalwirkung», sagt der Chef des Zirkus-Buffets. «Wenn die Leute bereits verärgert das Zelt betreten, erschwert das die Arbeit der Artisten.» Deren Ziel sei es nämlich, dass die Leute glücklich nach Hause gingen. «Und das ist auch unser Ziel!»

Viele wissen bereits, was sie wollen, bevor sie am Buffet stehen: Bier und Wurst für den Herrn, gebrannte Mandeln für die Dame, Popcorn und Zuckerwatte für die Kleinen. Andere verweilen länger vor der Auslage. Die blonde Frau in der hellblauen Bluse zum Beispiel. Sie kneift die Augen zusammen, hebt den Kopf und wirft einen fragenden Blick zu Christopher Cristiani (30). Der charmante Italiener mit den dunklen Locken hat eben noch den roten Teppich im Vorzelt gereinigt. Jetzt steht er in seiner tadellos sitzenden schwarz-weissen Uniform hinter der Theke. Unentschlossene Gäste sind bei ihm an der richtigen Adresse. «Una birra!», ruft er strahlend vom Wagen herab. Offenbar hat er den Geschmack der Frau getroffen. Er wirbelt herum und betätigt schwungvoll den Zapfhahn.

«In St. Gallen trinken sie Bier, im Welschland trinken sie Wein», sagt Mike Wipf. «Das war schon immer so. Aber auf beiden Seiten des Röstigrabens trinken die Leute heute weniger.» Er weiss, wovon er spricht. Mike feiert in diesem Frühling nicht nur 100 Jahre Zirkus Knie, sondern auch sein ganz persönliches Jubiläum: Vor 50 Jahren haben seine Eltern die Leitung des Buffets übernommen. Seit 30 Jahren führt er selbst den Betrieb.





In St. Gallen läuft Popcorn, im Tessin ist Zuckerwatte Trumpf

Vieles hat sich verändert in dieser Zeit, nicht zuletzt Mikes Speisesortiment. Gab es früher ein paar Snacks, steht der Besucher heute vor einer riesigen Auslage. Was darf es zum Bier sein? Magenbrot oder Mandeln? Popcorn, Zuckerwatte oder Schokolade? Vielleicht etwas Deftigeres: Hotdog, Pommes frites, eine Bratwurst? Wer nicht aus St. Gallen kommt, erhält auch Senf dazu. Und ganz neu in dieser Saison: der Pulled Beef Burger. Der läuft richtig gut, bemerkt Mike Wipf. Er wagt regelmässig Neues, hat auch schon einen Pasta- und einen Crêpes-Stand aufgestellt. Am meisten aber verkauft sein Team Popcorn. Im Welschland und im Tessin ist es Zuckerwatte.

100 Jahre Zirkus Knie – das heisst auch 100 Jahre Essen und Trinken. Der Zirkus ist ein grosses Buffet für Mensch und Tier. Zubereitet wird es von Angestellten, die selten im Rampenlicht stehen. Von den insgesamt 230 Mitgliedern der Truppe arbeiten 19 im Buffet-Team und sechs in der Mannschaftsküche. 20 Tierpfleger kümmern sich um die Bedürfnisse der Pferde, Ponys, Ziegen, Lamas und Papageien. Ohne diese Menschen läuft im Zirkus gar nichts.

Eine Viertelstunde vor Beginn der Aufführung herrscht Hochbetrieb vor dem Zelt. Die Leute drängen zu den Eingängen. Valentin Petrea (29), in schwarzer Hose und roter Uniformjacke, begrüsst bei der Ticketkontrolle jeden Besucher mit einem breiten «Grüezi!». Der gut aussehende Rumäne mit Igelfrisur und einem Schalk in den Augen absolviert seine erste Saison beim Zirkus. Und spricht fliessend Deutsch. «Ich war schon einmal für ein Jahr in der Schweiz», hat er einige Stunden zuvor erklärt, vor dem Mittagessen im Wohnwagen-Park beim Bahnhof St. Fiden. «Da habe ich auch gleich die Sprache gelernt.» Es wirkt irgendwie selbstverständlich, wie Valentin das sagt, als ihm Koch Nour Eddine Oulouda (60) sein Essen schöpft. Eine riesige Portion Kartoffeln, Randensalat und Hamburger. Die Kohlenhydrate kann Valentin gebrauchen. Er kontrolliert nicht nur Tickets. Er ist auch Zeltarbeiter und hilft hinter den Kulissen. Schmeckt das Essen? «Jeden Tag!», antwortet er resolut und macht sich über seine Kartoffeln her.

Mit Valentin unterhält sich Küchenchef Nour Eddine auf Deutsch. Dann wendet er sich einem Russen zu: «Kartoschki?» Der Hüne vor der Theke des Küchenwagens grinst. «Da!» Mit dem Nächsten in der Reihe scherzt der Koch auf Italienisch. Nour Eddine ist ein Sprachtalent. Mit seinem Mitarbeiter Thomas Marzycki (38) spricht er Polnisch, mit den amerikanischen Zeltbauern Englisch. Und mit seinen über 30 marokkanischen Landsleuten unterhält er sich auf Arabisch. Sie essen heute Tajine, eine würzige nordafrikanische Spezialität mit Kalbfleisch, Mandeln, Oliven, Sultaninen und Peperoncini.





Wie die Marokkaner zum Zirkus kamen

Schon seit Jahrzehnten gibt es einen starken Mitarbeiterstamm aus dem Maghreb beim Zirkus Knie. Der Grund dafür liegt in der Geschichte. Seit den Anfängen erweiterten die Knies ihre Show stetig. Pferde, Elefanten, Giraffen, Nashörner und Bären traten unter der Zirkuskuppel auf – aber auch Menschen aus fremden Kulturen, die in sogenannten Völkerschauen vorgeführt wurden. Yogis aus Indien, Schwertschlucker aus Persien, Elefantentreiber aus Ceylon, Schlangenbeschwörer und Kunsthandwerker aus Marokko. Solche Menschenzoos schafften die Knies erst in den 1960er-Jahren ab.

Einen marokkanischen Jungen aber behielten sie bei sich: den fünfjährigen Faraji. Er zeigte sich nicht sonderlich beeindruckt von den Zuschauermassen, die kamen, um ihn zu bestaunen. Ihn interessierten die Ponys. Faraji erwies sich als äusserst geschickt im Umgang mit ihnen. Die Knies engagierten ihn schliesslich als Pferdepfleger. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Gemeinschaft aus dem Maghreb, heute ist sie nicht mehr aus der Zirkus-Crew wegzudenken.


Ein Hotdog für Giacobbo, bevor es losgeht

Über 100 Leute essen jeden Tag bei Nour Eddine, morgens, mittags und abends. Sie essen beachtliche Portionen. Und sie essen schnell. Valentin hat seine Kartoffeln in Rekordzeit verputzt. «Noch schneller geht es, wenn es Pommes gibt», bemerkt er, als er die Tür zu seiner Wohnwagenkabine aufschlägt. Die Kabine ist so lang wie das Bett in ihr und doppelt so breit wie dieses. Ein Tischchen und ein kleiner Flachbildschirm passen da gerade noch hinein. Und die grosse rote Uniformjacke, die über dem Bett hängt. Ordentlich drapiert, sauber und faltenfrei. Diese Jacke bedeutet Valentin etwas. Er trägt sie mit Stolz, als er am Abend strahlend die ersten Zirkusbesucher empfängt, die ins Zelt drängen.

Zwischen den Besuchern schlüpft Viktor Giacobbo (67) zum Buffet und bestellt einen Hotdog. Eine Stärkung vor der Show muss sein. «Mit viel Senf und Mayonnaise!» Mike Müller (55) verzichtet, scheint diese Entscheidung aber schon wenig später zu bereuen. Beide haben zwar die Möglichkeit, in ihren Wohnwagen zu kochen. Zu mehr als einer Fertigsuppe haben sie es bislang aber nicht gebracht. Giacobbo und Müller sind die Gast-Stars der Jubiläumstournee.




Als eine Stunde später die Musikkapelle im Zirkuszelt ihr rasantes Intro beendet, betritt Mike Müller als Hanspeter «Bujuju» Burri die Manege. Er sieht sich einmal schüchtern im ausverkauften Rund um, und die Zuschauer brechen in tosenden Applaus aus. Noch vor dem ersten Satz hat er das Publikum im Sack. Der Auftakt ist gelungen. Über eine Stunde lang verzaubern die Artisten des Zirkus Knie anschliessend die Besucher. Dann folgt die Pause.

Die Leute strömen aus dem Zelt. Innert kürzester Zeit sind das kleine Buffet, der Grill und der grosse Buffet-Wagen auf der anderen Seite des Vorplatzes von Menschentrauben umstellt. Mike Wipf zieht sein Gilet zurecht und beugt sich über den Tresen. «Was darf es sein?» An diesem Frühlingsabend ist vor allem Glace begehrt. Innert weniger Minuten verteilen sich die Cornets auf dem Platz vor dem erleuchteten Chapiteau, wo die Leute nahe beieinanderstehen und essen, trinken und lachen. Manche von ihnen besuchen den Zirkus jedes Jahr. «Sogar Freundschaften sind daraus entstanden», sagt Mike Wipf und erzählt von einer älteren Dame aus St. Gallen, die seit 45 Jahren jede Saison vorbeikomme.


Der tapfere Campo muss Mike Müller tragen

Im Zelt, am Rand der Manege, verkaufen zwei Mitarbeiter von Mike Wipf die letzten Cornets, um sich anschliessend mit ihren Eiswagen zurückzuziehen und das Feld wieder den Artisten zu überlassen. Und den Tieren. Denn obwohl es in den letzten Jahren einschneidende Veränderungen gegeben hat, treten im Zirkus Knie nach wie vor auch Tiere auf. Die Pferde sind die Hauptattraktion. Eines von ihnen muss Mike Müller tragen. Das arme Tier heisst Campo. Immerhin: Bereiterin Rebecca Fratellini (36) hat den Hengst gut vorbereitet und ihn mit viel «Cavallino» versorgt: gestampftes Heu mit Melasse. Rebecca kümmert sich um die Pferde und betreut als Tierpflegerin auch die anderen Bewohner des fahrenden Zirkuszoos. Da ist viel Einfühlungsvermögen gefragt. Gut, dass sie auch in der Manege mit dabei ist, wo der tapfere Campo Mike Müller durchs Rund schleppt.

Vor 15 Jahren traten zum letzten Mal Raubtiere in der Arena auf. Die Elefanten bleiben seit 2015 in ihrem Park in Rapperswil SG. Solche Veränderungen gehören dazu. Schliesslich sind auch die Eisbären, Nashörner und Giraffen nicht mehr auf Tournee. Ein Resultat der sich ändernden Tierschutzbestimmungen und gesellschaftlichen Erwartungen. Und doch: Ein Stück Raubtier ist immer noch dabei im Zirkus Knie – auf Mike Wipfs Brust. An seiner Halskette hängt ein eingefasster Eckzahn, so lang wie Mikes Zeigefinger. Er stammt von einem Tiger, der früher im Zirkus auftrat. Der Zahn musste damals gezogen werden, und der Tierpfleger sagte zu Mike: «Wenn du ihn ziehst, darfst du ihn behalten.» Seither begleitet ihn der Talisman in seinem bewegten Zirkusleben.

Träumt Mike manchmal auch von einem ganz anderen Dasein? «Keine Sekunde», schiesst es aus ihm heraus. «Der Zirkus ist mein Leben.» Seine Hand geht zum Tigerzahn. Er macht auf dem Absatz kehrt, betritt den Buffet-Wagen und stellt sich hinter den Tresen. Um weiter zum grossen Projekt beizutragen, dem sich alle hier verschrieben haben: die Zirkusbesucher glücklich zu machen. Das Zelt öffnet sich, und über 2000 Menschen strömen hinaus in die Nacht und auf das hell erleuchtete Buffet zu. Mike und seine Leute sind bereit.

Die Highlights aus 100 Jahren Zirkus Knie





«Ein sehr handfestes Geschäft»

Viktor Giacobbo (67) und Mike Müller (55) über das Zirkusleben, Dosensuppe und Araber in der Manege.

Viktor Giacobbo (hievt sich aus dem Stuhl und beginnt an den Fenstervorhängen zu rütteln): Da hat es eine Wespe.

Mike Müller, wann waren Sie zum ersten Mal im Zirkus?

Mike Müller: Ich war noch klein. Ich erinnere mich an den Clown Dimitri, der einem Elefanten die Zähne putzte.
Viktor Giacobbo (hat das Fenster geöffnet und beobachtet die Wespe, die an der Scheibe klebt): Wespen sind dumm.

Viktor Giacobbo, wie sehen Ihre ersten Erinnerungen an den Zirkus aus?

Viktor Giacobbo: Als der Knie nach Winterthur kam, bin ich mit dem Velo zum Zirkusplatz gefahren. Ich habe zugeschaut, wie sie das Zelt aufgebaut haben. Und die Elefanten bestaunt, die zu Fuss vom Bahnhof her kamen. Spektakulär.

Den Zirkus zu besuchen, ist nicht dasselbe wie Teil des Programms zu sein.

Viktor Giacobbo: Nicht ganz. Man spürt die Community, die sehr einmalig ist. Ein Mix aus Artisten, Bühnenarbeitern, Requisiteuren, Restaurantmitarbeitern und vielen weiteren Mitgliedern, die immer mitziehen. Der Kontakt ist sehr eng, enger als in jedem Theater. Wir lernen hier sehr spannende Menschen kennen, die wir sonst nicht treffen würden.

Der Zirkus ist eine eigene Welt. Als gutbürgerlich kann man sie kaum bezeichnen.

Viktor Giacobbo: Gutbürgerlich ist sie nicht. Aber auch nicht alternativ oder revolutionär. Es ist ein ganz eigener Schlag von Menschen, die unterwegs sind und die Disziplin und den Leistungswillen aufbringen, den Zirkus am Laufen zu halten.
Mike Müller: Es ist ein sehr handfestes Geschäft.

Und ein anstrengendes. Bekommen Sie genug zu Essen?

Viktor Giacobbo: Dafür müssen wir selber sorgen. Wir haben eine kleine Küche in unserem Wohnwagen.
Mike Müller: Die Mannschaft isst bei Koch Nour Eddine. Das habe ich auch schon getan. Die Artisten hingegen verpflegen sich selbst. Und machen häufig Diät, weil sie auf ihre Figur achten müssen. Wer viele Muskeln hat, sollte wenig Zucker essen.
Viktor Giacobbo: So wie ich.

Ein Baum von einem Mann wie Sie kocht also gar nicht?

Viktor Giacobbo: Oh doch. Ich habe bereits einmal eine warme Suppe gekocht. Aus der Dose. Und zwar eine feine. Ich bin bis jetzt einfach noch nicht so häufig zum Kochen gekommen. Das wird sich noch ändern.

Sie brauchen Ihre Wohnwagen eigentlich gar nicht.

Viktor Giacobbo: Doch, wir sind froh darum. Nach diesem Gespräch zum Beispiel gehe ich bis zur Vorführung in meinen Caravan. Ein Rückzugsort ist wichtig.
Mike Müller: Ich schlafe gerade jetzt, da wir in der Ostschweiz sind, häufiger im Wohnwagen. Und schätze das sehr.

Man stellt sich den Zirkus hektischer vor.

Mike Müller: Es kann auch hektisch werden. Wenn bei der Vorstellung zum Beispiel die Araber zu schnell rauslaufen.
Viktor Giacobbo: Er meint die Pferde. Nicht dass es am Ende heisst: Mike Müller beschwert sich über Araber im Zirkus.

Wir schreiben: Mike Müller freut sich über Araber im Zirkus. Zurück zu den Pferden: Sie arbeiten auch mit Tieren in Ihren Nummern.

Viktor Giacobbo: In zwei Nummern, ja. Mit einem Pferd und mit zwei Säuli. Beide Tierarten können nicht schampar viel.
Mike Müller: Also das Pferd kann viel.
Viktor Giacobbo: Es kann im Kreis laufen und dich tragen.
Mike Müller: Es kann sicher mehr als unsere Säuli.

Geniessen Sie es, dass es im Zelt keine Kameras gibt?

Viktor Giacobbo: Viktor Giacobbo: Wir sind ja nicht ganz unerfahren, was Kameras angeht. Aber wir geniessen diese Live-Auftritte sehr. Es muss ja auch nicht alles gefilmt und gestreamt werden.

Dazu kommt, dass Sie vor einem heterogenen Publikum spielen. Wie wirkt sich das auf Ihren Auftritt aus?

Viktor Giacobbo: Zum Beispiel in der Tatsache, dass wir nur im Abendprogramm auftreten. Kinder finden unsere Figuren vielleicht lustig, wenn sie sie sehen. Aber was diese Figuren dann sagen, ist für sie nicht so interessant. Das können die Clowns viel besser.
Mike Müller: Und wir sind hier Teil eines internationalen Zirkus-Ensembles. Entsprechend haben wir auch unsere Nummern geschrieben, in denen der Zirkus immer eine Rolle spielt.
Viktor Giacobbo: (blickt zum Fenster): Ich glaube, die Wespe ist weg.