Im zweiten Teil des Vorabdrucks von «Ringen um Ringier» befinden wir uns im Jahr 2013. Ringier-CEO Marc Walder sucht einen potenten Finanzpartner, um die Auto- und Immobilien-Portale der Schweizer Scout24-Gruppe mehrheitlich übernehmen zu können. Er kommt auf die Idee, sich mit den aggressivsten Firmenjägern der Welt zusammenzutun.

René Lüchinger

Drei harmlose Buchstaben, hinter denen sich das verbirgt, was SPD-Chef Franz Müntefering später als Heuschrecken betiteln wird: der auf aggressive, zu einem grossen Teil fremdfinanzierte Firmenübernahmen spezialisierte Wallstreet-Investment-Gigant Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) – und der aggressivste unter ihnen ist das mittlere K: Henry R. Kravis, 173 Zentimeter klein, athletisch, ein kühl kalkulierender, hart verhandelnder Geldmanager. Für Michael Douglas war Henry Kravis Inspiration für den Gordon Gekko in seinem Kinohit «Wall Street» gewesen. Kein Wunder: Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Internatszeiten.




Michael Douglas als Gordon Gekko im Kinohit «Wall Street». Douglas liess sich für diese Rolle von Henry Kravis inspirieren.

Marc Walder bringt KKR einfach nicht mehr aus dem Kopf. In der internationalen Investorenszene würde ein Einstieg der Amerikaner für Ringier eine Art Ritterschlag bedeuten. Einmal, fast nebenbei, sagt der Konzernchef zu seinem Verleger, dass sich auch KKR für die Scout24-Schweiz-Beteiligung interessieren würde. Fast väterlich redet Michael Ringier auf seinen CEO ein: «Private Equity machen wir nicht, Heuschrecken schon gar nicht und zwei Mal nicht KKR.» Es sind deutliche Worte des Besitzers an seinen ersten Angestellten. Marc Walder hat, wie es scheint, eine rote Linie im Familienunternehmen Ringier geritzt.


Folgenschwere Reise nach New York

Dem europäischen Spitzenmann von KKR rapportiert der Ringier-CEO: Die Familie ist dagegen. So gibt es wohl keinen Deal mit KKR. Der Angesprochene reagiert mit einer simplen Frage: Kennen die Ringiers Henry Kravis? Marc Walder verneint. So fliegt im November 2013 eine Delegation aus der Schweiz an den Hudson: der Verleger Michael Ringier mit Gattin Ellen, CEO Marc Walder und Ringier-Verwaltungsrat Claudio Cisullo. Am nächsten Morgen, 7.30 Uhr, holt Marc Walder seinen Verleger ab, um pünktlich im Solow Building einzutreffen, einem 50-Stock-Wolkenkratzer an der 9 West 57th Street. Im 42. Stock befindet sich das Headquarter von KKR.

Kurz vor 8 Uhr. Der Lift setzt sich in Bewegung. Die Stimmung ist angespannt. Schwer wiegt, dass der Ringier-CEO sehr genau spürt, dass seine Pläne mit KKR zum ersten Mal von seinem Verwaltungsratspräsidenten nicht geteilt werden könnten. Michael Ringier ist skeptisch.




Henry Kravis vom Investment-Giganten KKR ermöglichte es Ringier, die Scout24-Gruppe zu übernehmen.


Plötzlich Schweizer Kunst an der Wand

Da öffnet sich die Lifttür. Vor ihnen steht schon wartend ein kleiner, grauhaariger Mann, der dem baumlangen Verleger nicht einmal bis zur Schulter reicht. Als wärs ein alter Bekannter, streckt Henry Kravis dem Besucher die Hand hin: «Hi Michael!» Und der Mann, der als Wall Street Crocodile bekannt ist, ist perfekt vorbereitet. Er wisse alles über ihn. Dass er ein herausragender Tennisspieler sei. Guter Golfer. Passionierter und erfolgreicher Kunstsammler. Das sei er, Henry Kravis, übrigens auch. Nicht so gross wie ein Ringier natürlich. Aber vergangene Nacht seien alle hier bei KKR sehr beschäftigt gewesen mit Kunst. Hätten sämtliche Bilder an den Wänden ausgetauscht. Nun hängen dort hauptsächlich Schweizer Künstler.

Gemeinsam geht es den Flur entlang zum Büro-Trakt von Henry Kravis. Der Panoramablick ist atemberaubend. Eine riesige Fensterfront mit dem Central Park zu Füssen. Und auf dem Tisch ein Frühstück, bei dem es alles gibt, was der Verleger des Morgens gerne zu sich nimmt – KKR-Leute hatten sich im Zürcher Pressehaus danach erkundigt, worauf Michael Ringier zu früher Stunde kulinarisch anspricht. Zwei Stunden dauert das Gespräch hinter verschlossenen Türen.




Das hatte niemand auf dem Radar

Als die Besucher nach dieser eindrücklichen Begegnung im Lift wieder in Richtung Erdboden hinabsinken, ist es zunächst still. Noch bevor die Kabine unten anhält, kommt trocken aus des Verlegers Mund: Das sei ein guter Sales-Pitch gewesen. Marc Walder spürt: KKR könnte eine Option werden.

Als der Deal am 14. Juli 2014 bekannt gegeben wird, ist die Überraschung gross. Niemand hatte KKR auf dem Radar. Das «Wall Street Journal» schreibt leicht überrascht: «KKR gibt rund 175 Millionen Dollar aus, um Minderheitsbeteiligungen an Schweizer Online-Marktplätzen für Autos und Immobilien zu erwerben.» Und die «NZZ» urteilt: «Ringier betritt Neuland.» Dagegen weiss das Sonntagsblatt aus dem gleichen Hause den Vorgang bereits präzise einzuordnen: «Gordon Gekko hält Einzug am Schweizer Medienmarkt.»


Lesen Sie morgen: Ringiers Familienzusammenkunft am See