Im ersten Teil des Vorabdrucks von «Ringen um Ringier» befinden wir uns im Jahr 2008. Marc Walder, ehemaliger Tennis-Profi und Chefredaktor des Hauses, ist gerade Chef von Ringier Schweiz geworden. Er will die Entertainment-Sparte des Hauses stärken und den Ticketverkäufer Ticketcorner erwerben. Bloss: Wie kauft man eine Firma, für die sich noch ganz andere Kaliber interessieren? Etwa der damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Oder der europäische Platzhirsch unter den Ticketverkäufern, Klaus-Peter Schulenberg? Marc Walder zahlt Lehrgeld für seinen ersten Deal als Manager.
René Lüchinger
In St. Gallen sitzt einer, der ebenfalls ein Auge auf Ticketcorner geworfen hat – und über tiefe Taschen verfügt. Es ist Pierin Vincenz, einflussreicher Chef der Raiffeisen-Gruppe, der Konzerttickets im grossen Stil als Kundenbindungsprogramm nutzen will. Der Raiffeisen-Chef stellt eine einfache Überlegung an: Ringier drucke hochauflagige Boulevardzeitungen und People-Magazine, bewege sich also nahe an Stars und Events und verstehe deshalb auch sicherlich etwas von Ticketing. Raiffeisen habe Millionen von Kunden, denen sie rabattierte Tickets anbieten könne, und seine Bank sei selbstverständlich auch imstande, den Deal zu finanzieren.
Was ist dieser Vincenz für ein Typ?
All das klingt bestechend simpel. Zumindest so lange, bis Marc Walder eine Antwort gibt, mit der Pierin Vincenz nicht gerechnet hat. Der Ringier-Mann meint nämlich unverblümt, dass er von Ticketing nichts verstehe und deshalb mit dem europäischen Marktleader CTS Eventim des Klaus-Peter Schulenberg im Gespräch sei. Das bedeutet: Der Deal wird kompliziert.
Zu Klaus-Peter Schulenberg sagt Marc Walder, es gebe ein Problem. Vincenz würde mitbieten. Der habe tiefe Taschen. Dann erkundigt sich Klaus-Peter Schulenberg, was dieser Pierin Vincenz für ein Typ sei – er habe nämlich wenig Lust, bei dem Deal einem geschniegelten Banker mit Gel im Haar gegenüberzusitzen. Da kann Marc Walder beruhigen. Pierin Vincenz sei Bergler aus dem Bündnerland und habe Raiffeisen wachgeküsst. Wenn das so sei, meint Schulenberg zu Walder, solle er ein persönliches Treffen arrangieren.
Der Raiffeisen-Chef schlägt ein ungewöhnliches Datum und einen ungewöhnlichen Ort vor. Der 27. Dezember 2008 in Maienfeld in der Bündner Herrschaft, wo Pierin Vincenz in einen Weinkeller einlädt.
Als Raiffeisen-Chef hatte Pierin Vincenz grosses Interesse daran, den Kunden Tickets mit Rabatt anzubieten.
Klaus-Peter Schulenberg, Vorstandsvorsitzender von CTS Eventim, schloss mit Walder den Deal ab.
Peter Schwenkow erfuhr zufällig von den Verhandlungen mit Ticketcorner. Ein brisantes Mail ging fälschlicherweise an ihn.
«Er heisst Schulenberg!»
Klaus-Peter Schulenberg landet also im Privatjet im sankt-gallischen Altenrhein, und dort steht Chauffeur Marc Walder, mit dem er durch das Rheintal in Richtung Bündnerland braust. In Maienfeld wartet schon Pierin Vincenz. Er begrüsst den Gast mit einem freudigen «Hallo, Herr Schulenberger!» Der schaut irritiert, und auch Marc Walder ist wenig amüsiert, flüstert Pierin Vincenz zu: «Schulenberg. Er heisst Schulenberg!» Der Hausherr nickt und tischt Käse, Brot, Wein auf.
Bald ist das Eis gebrochen. Alles in Minne also. Bis auf die Kleinigkeit, dass Pierin Vincenz seinen Gast während des ganzen Gesprächs konsequent mit «Schulenberger» anspricht. Auf dem Rückweg nach Altenrhein ist es lange ruhig in Marc Walders Auto. Irgendwann sagt der Deutsche zum Schweizer: «Kannst du diesem Banker nicht einmal sagen, wie ich heisse?»