Die Teilnehmer erwarteten ein Picasso
Sie habe «etwas Gemaltes erwartet», sagt Bäuerin Doris Ziegler (53) aus Unterramsern SO. «Einfach ein normales Bild.» Beim Stichwort Kunst hatten alle Teilnehmer automatisch an ein Gemälde gedacht, an etwas in Richtung Pablo Picasso oder Mark Rothko. Das entspricht der Tatsache, dass Malerei nach wie vor die beliebteste Kunstform darstellt.
Doch zu zeitgenössischer Kunst gehört vieles mehr: Installationen, Fotografien, Skulpturen, Plastiken, Videos, Performances, Digitalkunst. Und Mischformen, die alles miteinander verbinden. Zeitgenössische Kunst stammt per Definition von Zeitgenossen, die noch leben oder bis vor kurzem noch gelebt haben. Es ist die Kunst der Gegenwart, deren Erfolg sich im Hier und Jetzt entscheidet.
Keiner der Kandidaten weiss zu Beginn des Experiments etwas über das Werk, das er beherbergt. Als Barbara Staib (48), Mutter von Maxime (10) und Alexa (7), am Tag des Abhängens hört, dass der Kunstpelz, der das Wohnzimmer ihrer Familie schmückte, von der Schweizer Topkünstlerin Sylvie Fleury (57) stammt, reagiert sie mit einer gewissen Ehrfurcht. Das zeigt, wie viel Bedeutung und Wert wir einem Kunstwerk zuschreiben, wenn wir den Künstler kennen und wissen, dass er erfolgreich ist.
Doch wie viel Hintergrundwissen zum Werk und dessen Autor müssen Betrachter von zeitgenössischer Kunst besitzen, um sie zu geniessen? Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Eine Befragung von 800 Museumsgängern in Zürich aus dem Jahr 2010 zeigt jedoch eine Meinung auf, die sich bis heute nochmals gefestigt haben dürfte. 62 Prozent der Befragten waren der Ansicht, dass zeitgenössische Kunst nicht für sich selbst spricht und ihr Verständnis theoretisches Wissen voraussetzt.
Was der Künstler sagen will, ist manchmal uninteressant
Die Teilnehmer des BLICK-Experiments hatten keine andere Wahl, als auf ihre Intuition zu hören. Bei Mélanie Blauenstein (44) aus Riehen BS löst die «Künstler-Dusche», die in ihrem Hauseingang hing, so starke Emotionen aus, dass sie sich am Schluss gar nicht mehr allzu sehr dafür interessiert, was das Künstlerduo, das hinter dem Werk steht, damit vielleicht sagen will.
Christine Glauser (56), die überrascht ist, wie sehr das Cheminée mit den Zetteln sie täglich beschäftigt hatte, ist fast ein bisschen enttäuscht, als sie erfährt, dass das Gekritzel in den Rahmen Nachrichten an einen Gehörlosen sind. «Ich hatte gedacht, es seien Ausschnitte aus Briefen. Darunter auch ein Liebesbrief.»
Glauser sagt nach dem Experiment, dass sie Kunst von nun an mit anderen Augen betrachte. Andere Kandidaten ziehen ein verhaltenes Fazit, in dem Adjektive wie «interessant» oder «speziell» auffallend oft vorkommen und das aus Mündern kommt, die höflich lächeln. Nur bei den Zieglers aus dem ländlichen Solothurn kippte die Stimmung. Was sie zuerst mit Humor nahmen, wurde zum Ärgernis.
Zumindest in einem Punkt sind sich alle Teilnehmer am Ende einig. Zeitgenössische Kunst ist eines garantiert nicht: langweilig.