Nächste Woche trifft sich die internationale Kunstwelt an der Art Basel. Was passiert, wenn zeitgenössische Kunst in ganz normalen Haushalten hängt? BLICK hat es ausprobiert.

Jonas Dreyfus (Text) und Thomas Meier (Fotos)

Es ist ein aufwendiges Experiment, das BLICK gewagt hat. Anfang April erhalten zwei Familien und zwei Paare aus verschiedenen Ecken der Schweiz je ein bedeutendes Kunstwerk zu sich nach Hause geliefert. Bis zu acht Personen sind vor Ort, um die Werke zu installieren und die ersten Reaktionen zu protokollieren.

Zwei Monate lang bleiben die Leihgaben in den Wohnungen. Genügend Zeit also, um sie wirken zu lassen. Dann kommt die Crew wieder vorbei, um die Werke abzuholen. Bevor diese in Kisten verschwinden, steht ein Kunstexperte Red und Antwort, die Familien und Paare ziehen ihr Fazit. Hat die Kunst ihr Leben verändert?

Die Idee entsteht in der Redaktion aus einem Unbehagen heraus. Jeden Sommer berichtet BLICK über die Art Basel, die Messe für zeitgenössische Kunst. Es ist der weltweit wichtigste Anlass der Kunstbranche, die vergangenes Jahr über 67 Milliarden Franken umsetzte. Und jeden Sommer stellt sich dieselbe Frage: Wie über einen Mega-Event in der Schweiz berichten, der international von herausragender Bedeutung ist – aber den Ruf des Elitären, Abgehobenen und schwer Zugänglichen hat? Zeitgenössische Kunst: Versteht das jemand, der sich nicht regelmässig mit der Materie beschäftigt?

Genau dies wollte BLICK mit dem Experiment herausfinden. Wie reagieren sogenannt gewöhnliche Menschen auf ungewöhnliche Kunst?




Zehntausende von Franken an der Wohnzimmerwand

«Potz» und «wow!» sind Wörter, die bei den Teilnehmern des Experiments fallen, als sie ihren neuen Wandschmuck zum ersten Mal sehen. Meistens herrscht Sprachlosigkeit. Keine Sekunde hatten die Glausers aus der Region Emmental mit einer Skulptur in Form eines Cheminées in ihrem Wohnzimmer gerechnet, auf dem weiss umrahmte Notizzettel mit rätselhaften Nachrichten stehen.

Die Leihgaben – ihr Einzelwert liegt irgendwo im fünfstelligen Bereich – stammen aus der Sammlung Ringier. Ein beachtlicher Teil der Sammlung hängt in den Gängen, Sitzungszimmern und Büros der Medienhäuser. Seit bald 25 Jahren würden die Angestellten mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert, sagt Verleger Michael Ringier (70). Auf das Experiment mit den Privathaushalten ist er selber auch gespannt. «Vielleicht lösen die Kunstwerke etwas aus. Vielleicht auch nicht – das wäre absolut legitim.»

Die von der Redaktion ausgewählten Teilnehmer hatten im Vorfeld Fotos von ihren Wohnungen dem Expertenteam zur Verfügung gestellt, das für die Sammlung Ringier arbeitet. Dieses wählte anschliessend Werke aus, die den Platzverhältnissen entsprachen. Werke, die in die Umgebung passten, aber nicht untergingen.


Die Teilnehmer erwarteten ein Picasso

Sie habe «etwas Gemaltes erwartet», sagt Bäuerin Doris Ziegler (53) aus Unterramsern SO. «Einfach ein normales Bild.» Beim Stichwort Kunst hatten alle Teilnehmer automatisch an ein Gemälde gedacht, an etwas in Richtung Pablo Picasso oder Mark Rothko. Das entspricht der Tatsache, dass Malerei nach wie vor die beliebteste Kunstform darstellt.

Doch zu zeitgenössischer Kunst gehört vieles mehr: Installationen, Fotografien, Skulpturen, Plastiken, Videos, Performances, Digitalkunst. Und Mischformen, die alles miteinander verbinden. Zeitgenössische Kunst stammt per Definition von Zeitgenossen, die noch leben oder bis vor kurzem noch gelebt haben. Es ist die Kunst der Gegenwart, deren Erfolg sich im Hier und Jetzt entscheidet.

Keiner der Kandidaten weiss zu Beginn des Experiments etwas über das Werk, das er beherbergt. Als Barbara Staib (48), Mutter von Maxime (10) und Alexa (7), am Tag des Abhängens hört, dass der Kunstpelz, der das Wohnzimmer ihrer Familie schmückte, von der Schweizer Topkünstlerin Sylvie Fleury (57) stammt, reagiert sie mit einer gewissen Ehrfurcht. Das zeigt, wie viel Bedeutung und Wert wir einem Kunstwerk zuschreiben, wenn wir den Künstler kennen und wissen, dass er erfolgreich ist.

Doch wie viel Hintergrundwissen zum Werk und dessen Autor müssen Betrachter von zeitgenössischer Kunst besitzen, um sie zu geniessen? Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Eine Befragung von 800 Museumsgängern in Zürich aus dem Jahr 2010 zeigt jedoch eine Meinung auf, die sich bis heute nochmals gefestigt haben dürfte. 62 Prozent der Befragten waren der Ansicht, dass zeitgenössische Kunst nicht für sich selbst spricht und ihr Verständnis theoretisches Wissen voraussetzt.


Was der Künstler sagen will, ist manchmal uninteressant

Die Teilnehmer des BLICK-Experiments hatten keine andere Wahl, als auf ihre Intuition zu hören. Bei Mélanie Blauenstein (44) aus Riehen BS löst die «Künstler-Dusche», die in ihrem Hauseingang hing, so starke Emotionen aus, dass sie sich am Schluss gar nicht mehr allzu sehr dafür interessiert, was das Künstlerduo, das hinter dem Werk steht, damit vielleicht sagen will.

Christine Glauser (56), die überrascht ist, wie sehr das Cheminée mit den Zetteln sie täglich beschäftigt hatte, ist fast ein bisschen enttäuscht, als sie erfährt, dass das Gekritzel in den Rahmen Nachrichten an einen Gehörlosen sind. «Ich hatte gedacht, es seien Ausschnitte aus Briefen. Darunter auch ein Liebesbrief.»

Glauser sagt nach dem Experiment, dass sie Kunst von nun an mit anderen Augen betrachte. Andere Kandidaten ziehen ein verhaltenes Fazit, in dem Adjektive wie «interessant» oder «speziell» auffallend oft vorkommen und das aus Mündern kommt, die höflich lächeln. Nur bei den Zieglers aus dem ländlichen Solothurn kippte die Stimmung. Was sie zuerst mit Humor nahmen, wurde zum Ärgernis.

Zumindest in einem Punkt sind sich alle Teilnehmer am Ende einig. Zeitgenössische Kunst ist eines garantiert nicht: langweilig.

Die Sammlung Ringier

Die Sammlung Ringier, aus der die Kunstwerke für das Experiment stammen, umfasst rund 3000 zeitgenössische Kunstwerke. Sie wird seit 1995 von Verleger Michael Ringier stetig ausgebaut.

Zu Beginn konzentrierte sich Ringier auf Kunst, die einen direkten Bezug zum Thema Medien aufweist. Inzwischen hat er den Fokus erweitert und sammelt westeuropäische und amerikanische Kunst im Allgemeinen. Die Ringier Collection, wie sie auf Englisch heisst, beinhaltet neben zahlreichen Werken von US-Grössen wie Cindy Sherman und John Baldessari auch eine grosse Anzahl Werke von Schweizern wie Fischli/Weiss.

Rund 350 Kunstobjekte hängen in den Ringier-Medienhäusern und weiteren Gebäuden der Firma, die auch Herausgeberin von BLICK ist.

Art Basel

Die Art Basel ist die weltweit wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst. Am Donnerstag, 13. Juni, um 11 Uhr öffnet sie die Tore fürs breite Publikum. Bereits am Dienstag und Mittwoch davor, den sogenannten Private Days, sind Presse und geladene Gäste zugelassen.

Am Mittwoch, um 16 Uhr, ist Vernissage in der Halle 2, über deren Eingang das Wahrzeichen der Messe Basel in Form einer grossen Uhr prangt. Hier zeigen mehr als 200 internationale Topgalerien Kunstwerke von rund 4000 Künstlerinnen und Künstlern. Hier wechseln bereits an den Private Days Kunstwerke im Wert von x Millionen Franken die Besitzer.

Der erste Stock von Halle 1 ist für die Art Unlimited reserviert. Unlimited, weil die dort gezeigten Bilder, Skulpturen und Installationen fast unlimitiert viel Platz benötigen.

Die Art Basel dauert bis am Sonntag, 16. Juni um 19 Uhr. www.artbasel.com

Das grosse Experiment

BLICK hat 4 Familien 4 zeitgenössische Werke für 2 Monate in die Wohnung gehängt und danach 1 Frage gestellt: Hat die Kunst ihr Leben verändert?

Familie Blauenstein aus Riehen BS

«Auch ein hässliches Bild kann eine Bereicherung sein»

Jemandem eine Dusche in den Flur hängen – das kann schiefgehen. Die Familie Blauenstein aus Riehen bei Basel war zuerst ratlos. Dann geschahen plötzlich überraschende Dinge. Jetzt möchte sie das Kunstwerk am liebsten nicht mehr hergeben.

Ich bin traurig», flüstert Dominic (10) seiner Mutter ins Ohr. Er tut das in einer kurzen Pause, in der er sein Computergame zur Seite legt und mit Hund Pepper spielt. Es ist eine Gabe von Kindern, dass sie wichtige Momente als wichtige Momente erkennen. Oft nur, indem sie ihre Eltern beobachten. «Ich auch ein bisschen», sagt seine Mutter.

Mélanie Blauenstein (44) wohnt mit ihren drei Kindern in einem Reihenhaus in Riehen bei Basel. Zwei Monate hing bei ihr ein Kunstwerk im Hauseingang, nun wird es abgeholt. Beim Experiment hat die Immobilienmaklerin mitgemacht, weil sie dank ihres Berufs täglich durch Villen geht, die ausgestattet sind mit teurer Kunst.

Kunst, die sie selten einordnen kann. Ihr Zuhause ist mit robusten Möbeln eingerichtet. Spiegel mit geschnörkelten Rahmen, Dekorkissen und Vintage-Poster geben dem Ganzen einen femininen Touch. «Ich bin kein Kunstfreak – ich glaube, das sieht man sofort.»




Plötzlich eine Dusche im Hauseingang

Umso perplexer ist die Familie, als BLICK ihr vor zwei Monaten ein Kunstwerk aus der Sammlung Ringier in Form einer Dusche in den Hausflur hängt. Cédric (14), der Älteste, sagt zwar, dass ihm die dreidimensionale Mischung aus Malerei und Skulptur gefalle, doch seinem Gesichtsausdruck nach zu schliessen, ist seine Aussage nicht viel mehr als eine Freundlichkeit. Seine Schwester Ella (12) vermutet: «Der Künstler duscht gerne.»

«Meine Mutter hatte einen Picasso erwartet», sagt Mélanie Blauenstein. Ihr angestrengtes Lachen verrät: Über etwas in diese Richtung hätte sie sich mehr gefreut. In der Nachbarschaft befindet sich die Fondation Beyeler, in der gerade die Ausstellung über die Blaue und Rosa Periode Picassos in der Verlängerung ist. Riehen sei von diesem Museum geprägt – von den «schönen, gemalten Bildern», die dort hängen.

«Es wird etwas fehlen», sagt Blauenstein beim Abhängen des Werks, das sie anfänglich ratlos gemacht hatte. Die Familie sass ab und zu auf der Treppe und kam zum Schluss, dass es viel Können braucht, Badezimmerplättchen so kräftig zu bemalen. Oder sind es bereits farbige Modelle, die ineinander verzahnt sind?, fragten sie sich. Aus welchem Material ist wohl der giftgrün hervorstehende Wasserhahn gemacht, den der Betrachter am liebsten aufdrehen würde? Es habe sie einiges an Nerven gekostet, die Kinder davon abzuhalten, genau das zu tun, sagt Blauenstein.


Das Werk wird Teil der Familie

Bereits nach ein paar Tagen habe «die Künstler-Dusche» plötzlich zum Haus gehört, vielleicht sogar ein bisschen zur Familie. Als Blauenstein einmal spätabends nach Hause kam, musste sie über sich selbst lachen, weil sie dem Kunstwerk versehentlich fast Hallo gesagt hätte. «Irgendwie hat es Persönlichkeit.»

Was erstaunlich gewesen sei: Wie sehr das Bild als Eisbrecher für Gespräche gedient habe mit Menschen, die sie bisher nur flüchtig kannte. Wenn Freunde der Blauenstein-Kinder zu Besuch kamen, setzten die Eltern sie oft nur gehetzt an der Türe ab und verschwanden wieder. Dank des Kunstwerks blieben sie für einen Schwatz oder hatten sogar plötzlich Zeit für einen Kaffee.

Es kam vor, dass sich Besucher darüber aufzuregen schienen, dass ein Künstler «mit so etwas» viel Geld verdient. Bei den Diskussionen, die daraus entstanden, stellte sich heraus, dass es im Job nicht so gut läuft oder sonst wo der Schuh drückt. Blauenstein: «So lernte ich viele Menschen besser kennen.»

Oft habe sie sich dabei ertappt, wie sie begann, das Kunstwerk gegen Kritik zu verteidigen. «Obwohl ich bis heute nicht sicher bin, ob es mir gefällt.» Was sie heute weiss: «Dass mich das Bild dazu anregt, mich zu bewegen, etwas zu tun.» Ob es gefalle, sei die falsche Frage. «Viel wichtiger sind die Emotionen, die es bei mir auslöst. Ich bin zum Schluss gekommen: Auch ein hässliches Bild kann für mich eine Bereicherung sein.»