Geschichten und Fakten über die anonyme Kindsabgabe

Durch das Babyfenster in ein neues Leben

Vanessa Hann, Laura Bachmann

24 Kinder wurden bis heute in Schweizer Babyfenstern abgegeben. Lange war Einsiedeln das einzige Spital mit dieser Vorrichtung, bis der Bundesrat die Kritiker verstummen liess. BLICK erklärt die Hintergründe, besucht eines der ersten Fenster-Babies und zeigt Alternativen auf.

Babyfenster, Babyklappe, Drehlade, Torno. Die Vorrichtung kennt viele Namen, obschon ihr Ziel dasselbe ist: Verhindern, dass Säuglinge ausgesetzt und getötet werden. In der Schweiz gibt es heute acht Babyfenster, in denen bisher 24 Kinder abgegeben wurden. Wo diese Kinder inzwischen leben und was aus ihnen geworden ist, wissen oft nur die Adoptiveltern und die zuständigen Behörden. Nur in wenigen Fällen ist bekannt, wer diese Kinder in die Obhut der Spitäler übergeben hat. In der Schweiz haben bisher vier Mütter ihr Kind zurückgefordert, sieben weitere haben ihre Identität bekannt gegeben.

In der Schweiz wurde das erste Babyfenster 2001 in Einsiedeln eingerichtet. Ein Jahr später lag das erste Baby im gewärmten Bettchen des Spitals. Auf Einsiedeln folgten Davos, Olten, Bern, Zürich, Bellinzona, Basel und Sitten. Die Einführung der Babyfenster erfolgte nicht ohne Kritik, denn bis heute befinden sie sich in einem rechtlichen Graubereich.

Diese Spitäler verfügen über Babyfenster

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Fenster verletzt Menschenrecht

Die aktuelle Rechtsprechung in der Schweiz stellt klar, dass es im Wohl des Kindes liege, seine biologische Abstammung zu kennen. Deshalb ist etwa die anonyme Geburt bis heute verboten.

Den Betrieb von Babyfenstern lässt der Bundesrat hingegen zu. «Das Babyfenster liegt zwar rechtlich in einer Grauzone, dies ist jedoch kein Grund, die Einrichtung zu verbieten», so die Antwort auf eine Interpellation aus dem Jahr 2013. In dieser rechtlichen Zwickmühle befindet sich neben dem betreibenden Spital auch die Mutter, da sie gegen die Meldepflicht verstösst. Der Bundesrat wägt aber ab: «Das Leben des Kindes ist in den Persönlichkeitsrechten höher einzustufen als dessen Recht auf Kenntnis der Abstammung.» Seither gab es keine politischen Bestrebungen mehr, Babyfenster zu schliessen.

Durch die Augen eines Babys

Öffnet die Mutter das Fenster, beginnt sich das Bettchen zu wärmen. Doch nur kurze Zeit bleibt das Baby im Bettchen, schon nach wenigen Minuten wird das Pflegepersonal alarmiert. Was das Kind in dieser Zeit sieht: Schauen Sie selbst! Drehen Sie das Panorama-Foto in die gewünschte Richtung.

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Schweizer Modell auch im Ausland

Die meisten Länder in Europa handhaben es gleich wie die Schweiz: Sie tolerieren Babyklappen, ohne dass eine rechtliche Grundlage dafür besteht. Nur in Grossbritannien wird bestraft, wer sein Kind namenlos zurücklässt. Entsprechend sind Babyfenster im ganzen Land verboten.

Viele Staaten führen keine Statistik, wie viele Kinder abgegeben wurden. In Deutschland schafft das Deutsche Jugendinstitut Klarheit. Gemäss ihrer Studie waren innerhalb von zehn Jahren 278 Neugeborene anonym abgegeben worden.

Abgegebene Babys bei Schweizer Babyfenstern

2001 - 2019

Adoption statt Waisenhaus

Obwohl Babyfenster in der Schweiz erst seit wenigen Jahren betrieben werden, ist die anonyme Abgabe von Babys kein neues Phänomen. Zuvor war die sogenannte Drehlade weiter verbreitet, eine Vorrichtung, in der das Kind direkt beim Waisenhaus abgegeben werden konnte. In Hamburg weist noch heute ein Schild auf die ausgediente Drehlade hin, mit der Aufschrift:

«Auf dass der Kindermord nicht künftig werd verübet,
Der von tyrannscher Hand der Mutter oft geschicht,
Die gleichsam Molochs Wuth ihr Kindlein übergiebet,
Ist dieser Torno hier auf ewig aufgericht. ANNO 1709.»

Statt ins Waisenhaus kommen anonym abgegebene Kinder heute zu Adoptiveltern. Die örtliche Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde eröffnet eine Vormundschaft, um das Kind zu versichern und bei den Behörden anzumelden. Nach dem Spitalaufenthalt erhält das Baby vorübergehend eine Pflegefamilie, bis es dann zu einem späteren Zeitpunkt adoptiert werden kann.

Besuch am Geburtsort der Babyfenster

2001 startete die Geschichte der Babyfenster. Diese Videoreportage führt zurück an den Geburtsort dieser Einrichtung und spricht mit damals beteiligten Personen.

Die Geschichte eines Babyfenster-Kindes

Emma, vom ersten Tag an geliebt

Dies ist die Geschichte von Emma. Vor fünf Jahren gab sie jemand als Neugeborene bei einem Spital ab. Ohne Namen und ohne Erklärung. Über ihre Herkunft ist nichts bekannt. Geliebt wurde sie aber schon immer.

Es ist halb zwölf, eine ruhige Sommernacht in einer Schweizer Stadt. Um das karge Licht der Strassenlaternen summen Mücken. Doch im hell erleuchteten Spital herrscht Tumult. Gerade ist der Babyfenster-Alarm ausgelöst worden. Zum ersten Mal in diesem Spital liegt ein Kind in der Klappe.

Das kleine Mädchen ist gesund, sauber und wohl erst wenige Tage alt. Das Einzige was auf ihre Herkunft hinweist, ist der blaue Strampler, den sie trägt. Ihre leibliche Mutter hat keinen Brief hinterlassen. Nur das Kind ohne Namen. Die Hebammen nehmen die Kleine herzlich auf, baden und füttern sie und fragen sich, wie sie das Baby wohl nennen sollen. Aus ersten Namensvorschlägen wählt schliesslich der Stadtpräsident höchstpersönlich aus. Emma* soll sie heissen. Und sie soll sobald wie möglich ein neues Zuhause bekommen.

Ein Anruf verändert alles

In einem anderen Kanton liest das Ehepaar Andrea und Mauro Hofmann* die Geschichte von Emma in der Zeitung. «Wie kann man nur», denkt Andrea, die sich zusammen mit ihrem Mann Mauro schon seit mehreren Jahren sehnlichst ein Kind wünscht. Sie sind angemeldet als potenzielle Adoptiveltern. Und Mauro scherzt: «Die würden wir noch nehmen».

Vier Monate später klingelt das Telefon. «Es ist bestimmt nur etwas Administratives», denkt sich Andrea, als die Adoptivstelle dran ist. Doch die Stimme auf der anderen Seite der Leitung sagt deutlich: «Frau Hofmann, wir haben eine Tochter für sie.» Andrea kommen auch heute noch die Tränen, wenn sie von diesem Moment erzählt. «Ich war so nervös bei diesem Anruf, ich habe nicht einmal nach einem Foto von ihr gefragt», sagt sie. «Ich verstand nur: ‹Es ist ein Mädchen, Babyfenster›.»

Fünf Jahre sind seitdem vergangen, die Familie Hofmann lebt nun in einem Zürcher Vorort. Auf dem Gartensitzplatz des Einfamilienhauses liegen Trottinetts und Spielzeug. Die Wände im Wohnzimmer sind volltapeziert mit Kinderfotos. Andrea erzählt. Mauro und Emma sitzen auf dem Boden und spielen mit neuen Playmobil-Figuren.

Liebe auf den ersten Blick

Die Kleine war damals schon vier Monate bei einer Pflegefamilie, als das Ehepaar Hofmann sie besuchte. «Wer uns kennt, weiss, wir plappern gerne und viel,», erklärt Andrea, «doch auf dieser zweistündigen Fahrt zu Emma haben wir beide kein Wort gesagt.»

Da gingen ihnen Gedanken durch den Kopf wie: «Was machen wir, wenn wir dieses Baby sehen und nichts dabei fühlen?» Jede andere Familie hat neun Monate Zeit, sich auf sein Kind einzustellen. Familie Hofmann hatte ein Wochenende. Als dann jedoch die Tür der Pflegefamilie aufging und Emma sie anstrahlte, wussten sie es: «Das ist sie. Unsere Tochter.»

«Dass wir jemals ein Kind aus einem Babyfenster adoptieren, hätten wir nicht gedacht», sagt Mauro. Die Kleine merkt, dass sie nicht mehr seine volle Aufmerksamkeit hat und quengelt: «Papi luuuuuuueg.» Er grinst und mahnt sie zur Geduld. «Eigentlich ist ein Babyfester gut, aber möchte man herausfinden, woher das Kind kommt, ist es wie ein schwarzes Loch.»

Herkunft unbekannt

«Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl der leiblichen Mutter geht», sagt Mauro. «Weshalb hat sie sich nicht gemeldet? Wie verzweifelt muss man wohl sein, um die Option Babyfenster zu wählen?» Vielleicht sei die Frau noch ganz jung gewesen. Vielleicht wohne sie gar nicht in der Schweiz und sei hier bloss in den Ferien gewesen. «Oder im schlimmsten Fall wurde sie dazu gezwungen. Wir wissen es nicht.»

Mauro und Andrea Hofmann würden ihrer Tochter manchmal gerne sagen: «Deiner leiblichen Mutter geht es gut.» Doch über ihre Herkunft können sie nur mutmassen. «Woran wir uns jedoch festhalten können», sagt Andrea, «als die Kleine in das Fenster gelegt wurde, war sie sauber und hatte schöne Kleider an. Wir sagen es darum Emma immer wieder: Du wurdest vom ersten Tag deines Lebens an geliebt.»

Emma wird hellhörig und guckt von ihrem Playmobil-Seepferdchen-Rennen hoch. «Ach ja, Mami?» «Ja, klar», sagt Andrea liebevoll, «auch ab dem ersten Tag im Spital hatten die Menschen dich alle sehr gern!» Emma, das erste Babyfenster-Kind in diesem Spital, war dort der Mittelpunkt des Geschehens. Einmal war die Kleine mit dabei im Büro-Trakt, manche Male trug sie der Spitaldirektor auf dem Arm.

Die Hebammen schenkten Emma zum Abschied Strampler und Plüschtiere. Die Familie Hofmann hat sie alle behalten. Die Abteilungsleiterin der Pflege und der Spitaldirektor besuchten sie später zu Hause. Als er sie wieder auf den Arm nahm, hatte er Tränen in den Augen. «Auch zur Pflegefamilie haben wir noch regelmässig Kontakt. Dort war sie ein vollwertiges Mitglied der Familie. Wir sind so froh, dass sie solche erste fünf Monate ihres Lebens hatte.»

Kein Geheimnis um die Wahrheit

Das nahe Umfeld von Familie Hofmann weiss, dass Emma aus einem Babyfenster kommt. «Wir gehen offen damit um. Wenn jemand fragt, dann erzählen wir das.» Negative Reaktionen hätten sie nie erlebt. Manchmal aber, da kämen von Kindern kritische Fragen. Fragen wie: «Gäll, du bisch nöd s richtige Mami?» Dann antwortet Andrea Hofmann jeweils: «Doch ich bin das richtige Mami. Aber Emma war nicht in meinem Bauch.» So hat sie das auch ganz früh schon ihrer Tochter erzählt. Aber Andrea Hofmann glaubt, dass es noch ein wenig zu früh ist, dass Emma den grossen Zusammenhang versteht.

In der Zwischenzeit besucht die Familie jene Wurzeln ihrer Tochter, die sie kennen. Vor einem halben Jahr war das das Babyfenster im Spital oder das Wühlen in ihrer Babybox.

Darin bewahren Emmas Eltern alles auf, was ihren Weg bis zu diesem Zeitpunkt beschreibt. Der laminierte Zeitungsbericht über ihr Auffinden. Ein Schoppen und ein selbst gebasteltes Fotoalbum der Hebammen und der Pflegefamilie. Der Strampler von ihrer leiblichen Mutter.

Emma zeigt stolz den ganzen Inhalt dieser Kiste, und ihre Eltern gucken ihr schmunzelnd dabei zu. «Ich würde solche Momente manchmal gerne teilen», sagt Andrea Hofmann dazu. «Ich würde der leiblichen Mutter gerne erzählen, was Emma alles schon kann und macht. Denn irgendwo da draussen ist noch jemand, der ebenso stolz auf sie sein könnte, wie wir das sind.»

Emmas Eltern wünschen sich, dass die Babyfenster-Mütter ihre Kinder nicht vergessen und sich irgendwann, wenn sie in einer besseren Lebenssituation sind, wieder melden. Dem Kind zuliebe. Denn eine Kontaktaufnahme zu ihnen sei für die leiblichen Väter und Mütter leicht. Ein Anruf bei der Adoptivstelle reiche. «Für das Kind wäre es auf jeden Fall irgendwann wichtig zu wissen, woher es kommt. Im Alltag jedoch, da ist nur eines wichtig. Dass sie weiss, dass sie unsere Tochter ist.»

* Namen von der Redaktion geändert

Entwickelt, um Leben zu retten

Babyfenster, nicht alternativlos

Babyfenster können Leben retten. Nur deshalb sind sie in der Schweiz legal – oder besser gesagt, vom Bundesrat toleriert. Denn objektiv betrachtet seien Kinder ohne registrierte Abstammung rechtswidrig.

Leben Retten – das tun die Babyfenster auch. Zumindest wenn es nach der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK), der grössten Betreiberin von Babyfenstern, im Land geht. Ihrer Statistik zufolge führte die Einführung von Babyfenstern in der Schweiz zu weniger ausgesetzten Findelkindern und Kindstötungen. Allerdings: Die SHMK ist die einzig verfügbare Quelle. Das Bundesamt für Statistik bestätigt auf Anfrage, keine eigene Statistik zu führen.

Anders die Situation in Deutschland. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2011 kann keinen Zusammenhang zwischen Kindstötungen und Babyfenstern erkennen.

Fenster erreicht die Falschen

«Laut dieser Studie sind Mütter, die ihre Babys anonym bei einem Spital abgeben, nicht dieselben, die ihre Kinder töten», sagt Daniela Enzler von «Sexuelle Gesundheit Schweiz», der Dachorganisation der offiziellen Fach- und Beratungsstellen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Neuere Zahlen zeigen zwar, dass in Deutschland in den letzten Jahren weniger Kinder getötet wurden, ob der Grund dafür Babyfenster sind, wurde jedoch nicht untersucht. Mit dem Angebot von Babyklappen würden demnach unnötigerweise Niemandskinder geschaffen und die leiblichen Mütter in Gefahr gebracht, da sie ihr Kind oft alleine und ohne medizinische Hilfe auf die Welt brächten.

Schweizer Findelkind-Statistik

1996 - 2019

«Das Babyfenster ist somit nur eine Scheinlösung für das eigentliche Problem», sagt Enzler weiter. Es werde immer Frauen geben, die in prekären Lebenssituationen ihre Schwangerschaft von ihrem Umfeld geheim halten wollen. «Die Kantone kommen ihrer Pflicht nicht nach, diese Frauen über andere Möglichkeiten zu informieren, wie etwa die vertrauliche Geburt.»

Kaum genutztes Angebot

Vertrauliche Geburt heisst: Die Frau kann unter einem Pseudonym in einem Spital ihr Kind zur Welt bringen. Dabei bleibt das Recht des Kindes, zu wissen, woher es kommt, sowie das Bedürfnis der Mutter, anonym zu bleiben, gewährleistet. Die Daten der Mütter bleiben geheim, bis das Kind volljährig und zu einer Kontaktaufnahme bereit ist.

Angeboten wird die vertrauliche Geburt in unterschiedlichen Spitälern wie Uster, Olten oder Solothurn. Bei der Bevölkerung hingegen ist diese Art der Geburt kaum bekannt. Eine Umfrage des Kantonalen Jugendamts im Kanton Bern hat ergeben, dass zwischen 2010 und 2013 lediglich elf Frauen dieses Angebot genutzt haben.

Kind sucht irgendwann die Mutter

Auch die SHMK befürwortet die vertrauliche Geburt. Durch den direkten Kontakt mit den Müttern könne sogar die Trennung vom Kind verhindert werden. Das bestätigt eine Erhebung in Deutschland, wonach in 500 durch eine Hilfestelle betreuten Fällen von Niemandskindern nur 23 Mütter in der Anonymität geblieben sind.

Radiobeitrag – Die Organisation hinter den Babyfenster

Hinter der Babyfenster steht die Organisation «Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind» (SHMK). Diese steht auch in der Kritik. Dieser Radiobeitrag geht auf Spurensuche.

«Nur birgt die vertrauliche Geburt auch Nachteile», sagt Dominik Müggler, Präsident der SHMK. «Nach 18 Jahren, zum Beispiel, steht das geheim gehaltene Kind schliesslich vor der Tür und sagt: ‹Hallo Mami, hier bin ich!› Das finden nicht alle Mütter gut.» Eine tatsächliche Alternative zum Babyfenster sei also nicht die vertrauliche, sondern nur eine gänzlich anonyme Geburt.

Anonyme Geburt in der Schweiz verboten

Diese Möglichkeit besteht bei unseren Nachbarn in Deutschland, Frankreich oder Österreich. Dort können werdende Mütter in einem Krankenhaus gebären, müssen aber ihre Personalien nicht angeben. In der Schweiz ist das illegal. Die Einführung der anonymen Geburt wurde in der Schweiz 2013 vom Bundesrat in Erwägung gezogen – bis heute aber steht ein Entscheid aus. Das Babyfenster bleibt hierzulande die einzige Möglichkeit, unerkannt ein Kind zur Welt zu bringen.

24 Kinder sind in den 18 Jahren, seit es in der Schweiz Babyklappen gibt, abgegeben worden. Das erste dieser Kinder ist heute gerade volljährig. Hätte die Mutter des Knaben ihn vertraulich zur Welt gebracht, könnte er den Kontakt ab jetzt aufnehmen. Ob er es tun würde, ist eine andere Frage.

Psychologin Irmela Wiemann

«Diese Kinder tragen einen sehr tiefen Schmerz in sich»

Was bedeutet es, ein Babyfensterkind zu sein? Einen langen Weg der Trauer und Aufarbeitung, sagt die deutsche Psychologin Irmela Wiemann. Für Mütter und Kinder wünscht sie sich eine andere Form von Hilfe.

Frau Wiemann, in Ihrem wissenschaftlichen Artikel «Anonyme Geburt und Babyklappe» schreiben Sie, dass Medien vor anonymen Kindesabgaben warnen sollten. Warum?
Anonym fortgegebene Kinder leiden stärker als andere adoptierte. So stark, dass es in Frankreich sogar zu Demonstrationen von adoptierten Menschen gegen die anonyme Kindesabgabe gekommen ist. Anstatt Babyfenster zu propagieren – in vielen U-Bahnen und öffentlichen Plätzen wird ja dafür geworben –, sollte man Werbung machen, dass Schwangere, die nicht weiterwissen, in einer Adoptionsberatungs- und Vermittlungsstelle gut aufgehoben sind. Die Adoptionsstellen halten die Adoption auf Wunsch anonym, was viele vermutlich nicht wissen.

Es gibt bereits Beratungsstellen, wie etwa «Sexuelle Gesundheit Schweiz» oder «Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind». Trotzdem gibt es Frauen, die ihr Kind anonym abgeben wollen.
Die Gefahr, dass die Mutter ihr Kind unter Druck oder Zwang abgibt, weil sie sich zum Beispiel illegal in der Schweiz aufhält, ist sehr gross. Vielleicht finden diese Frauen gar keinen Weg in die Beratungsstellen. Mütter, die ihr Kind anonym abgeben, erhalten keine Hilfe.

Irmela Wiemann

Irmela Wiemann, Psychologin

Irmela Wiemann ist Psychologin, Familientherapeutin und Autorin unterschiedlicher Fachbücher wie «Adoptiv- und Pflegekindern ein Zuhause geben – Informationen und Hilfen für Familien» oder «Wie viel Wahrheit braucht mein Kind? Von kleinen Lügen, grossen Lasten und dem Mut zur Aufrichtigkeit in der Familie». Sie ist 77 Jahre alt und lebt in Weinbach, nahe Frankfurt am Main in Deutschland.

Was wäre dann eine gute Lösung?
Frankreich hat aufgrund der Demonstrationen eine Zentralstelle eingerichtet, wo sich Mütter und Kinder registrieren lassen können. Wenn beide Seiten sich gemeldet haben, werden sie zusammengeführt. Eine solche Zentralstelle gibt es weder in Deutschland noch in der Schweiz, da sie bei uns die formale Berechtigung der Registration nicht haben. Es wäre eine sinnvolle Lösung für Mütter und Kinder, die einander suchen.

Wann sollte ein Kind erfahren, dass es adoptiert wurde?
Schon auf dem Wickeltisch. Je jünger die Kinder sind, desto besser können sie die Adoption als selbstverständlich aufnehmen. Es gibt immer noch Eltern, die ihren Kindern erst spät von der Adoption erzählen, also mit 6, 8 oder 16 Jahren. Man weiss heute, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind dadurch nachhaltig erschüttert werden kann.

Ist das bei Babyfenster-Kindern ähnlich?
Auch diese Kinder tragen den Schmerz in sich, die ersten Eltern verloren zu haben, und brauchen früh Aufklärung. Bei ihnen ist dieser Schmerz jedoch zum Teil noch tiefer als bei anderen Adoptivkindern. Er ist lebenslang vorhanden und kann nie ganz getilgt werden. Was viele adoptierte Kinder jedoch gemeinsam haben, ist das erhöhte Autonomiestreben und neben dem angeborenen Bindungswillen eine mehr oder weniger starke Bindungsangst.

Wer sollte dem Kind sagen, dass es im Babyfenster abgegeben wurde?
Die Adoptiveltern. Manche Eltern haben Angst, es dem Kind zu früh zu erzählen. Aber diese Sorge ist nicht nötig, denn je jünger die Kinder sind, desto selbstverständlicher nehmen sie ihre Geschichte auf.

Und wie kann man ihnen diese Geschichte am besten beibringen?
Es braucht Worte, Bilder, und die Adoptiveltern müssen viel Biografiearbeit leisten. Ich kenne welche, die es ihrem Kind als Tiergeschichte erzählt haben. So findet die Identifikation mit der Herkunftsgeschichte bereits im jungen Alter statt. Später kann man auch zusammen mit dem Kind das Babyfenster besuchen – den Ort, an dem es abgegeben wurde. Vielleicht findet man eine Krankenschwester oder Hebamme, die sich erinnert und dem Kind von seiner Zeit im Spital erzählen kann. Zudem sollte man die Eigenschaften hervorheben, die das Kind von Vater oder Mutter mit ins Leben bekommen hat. Zum Beispiel: «Dass du gut singen kannst, könntest du von deinem Vater oder deiner Mutter haben.» Wenn das Kind von Anfang an eine wertschätzende Haltung gegenüber den leiblichen Eltern vermittelt bekommt, kann es sich besser mit der Realität abfinden.

Seine Abstammung zu kennen, ist ein Menschenrecht. Weshalb? Ist die emotionale Bindung nicht wichtiger als die genetische?
Dieses grundsätzliche Interesse an der eigenen Herkunft und Existenz ist beim Kind vorhanden. Ich habe vierjährige Kinder begleitet, die sagten: «Ich wüsste so gerne, wie die Frau aussieht, die mich geboren hat.» Klar, die emotionale Bindung ist ohne Zweifel die wichtigste. Aber man darf diese beiden Arten von Verbundenheit nicht gegeneinander aufwiegen.

Manchmal legt die Mutter einen Brief an ihr Kind mit ins Babyfenster. Hilft das dem Kind?
Sehr. Das hilft auch den Adoptiveltern, die oft mit leeren Händen dastehen. Das Tragische ist ja, dass die Mütter, die ihr Kind in eine Babyklappe legen, meistens gar nicht gegenüber ihrem Kind anonym bleiben wollen – sondern gegenüber der Umwelt.