Zum Beispiel als er 2004 im BLICK scharf gegen Thomas Zeltner ...

Seit 60 Jahren gibt es den BLICK, seit 65 Jahren führt Heinrich Villiger als Patron das gleichnamige Familienunternehmen. 10-Stunden-Arbeitstage sind für den Zigarrenbaron normal, kürzertreten will der 89-Jährige erst nächstes Jahr.
Christian Kolbe (Text), Thomas Meier (Fotos, Video)
Wer zu Heinrich Villiger (89) über die Grenze nach Tiengen bei Waldshut (D) fährt, der muss viel Zeit mitbringen. Der Zigarren-Baron hat viele Geschichten zu erzählen, ist länger im Geschäft, als es den BLICK gibt. Der dienstälteste Patron der Schweiz tritt 1950 in das Familienunternehmen ein, das damals sein Onkel Hans führt. Von diesem übernimmt er 1954 die Firma.
Villigers Karriere beginnt als Übersetzer: «Wir haben mit der Marke ‹Boston› die erste Filterzigarette in der Schweiz auf den Markt gebracht», erinnert er sich. Dafür braucht es eine spezielle Produktionsmaschine aus England. Der Maturand Heinrich ist der Einzige, der so gut Englisch spricht, um die Verständigungsprobleme zwischen den Schweizer Büezern und den britischen Ingenieuren, welche die Maschine in der Schweiz installieren, zu überbrücken.
Zigarren- und Stumpenkönig Villiger schafft es dreimal als «Manager des Tages» und einmal als «Mann des Tages» in den Blick. Vor allem auch, weil sich die Geschäfte der Firma Villiger trotz der Anti-Tabak-Kampagnen nicht in Rauch auflösen, sondern gut gedeihen. Als Zigarrenproduzent liefert sich Villiger einen epischen Kampf mit den Gesundheitsaposteln, die das Rauchen verbieten wollen. «Er schiesst weit übers Ziel hinaus», greift Villiger 2004 im BLICK den «Anti-Raucher-General Zeltner» an. Gemeint ist Thomas Zeltner, der damalige Direktor des Bundesamts für Gesundheit.
Heute gibt sich Villiger immer noch kämpferisch, prangert die Machtfülle der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an: «Die sitzen in jedem Gesundheitsministerium weltweit.» Für ihn wäre es an der Zeit, mit all den Kampagnen aufzuhören. «Wir wissen nun wirklich alle, dass Rauchen nicht gesund ist», sagt Villiger und zieht genüsslich an einer Krummen. Während des Gesprächs verraucht der rüstige Patron fast sein tägliches Zigarrenkontingent. Er raucht heute weniger, doch ganz darauf verzichten will er nicht.
1989 wird Villigers jüngerer Bruder Kaspar (78) in den Bundesrat gewählt. Seither ist Heinrich der Alleinherrscher über das Zigarrenimperium. Dafür bezahlt er einen hohen Preis: «Ich musste 20 Jahre arbeiten, bis ich Kaspar den Kredit zurückbezahlt hatte», erzählt Villiger. Sein Bruder habe ihm nichts geschenkt. «Ich hätte es an seiner Stelle aber genau gleich gemacht», ergänzt Villiger.
Inzwischen schlägt in Villigers Brust ein Herzschrittmacher. Der wurde ihm vor ein paar Wochen in Brasilien verpasst, als er während eines Besuchs bei einem Tabakproduzenten einen Kreislaufkollaps erlitt. Zuvor hatte er sich jahrelang – trotz eines Herzinfarkts – geweigert, sich einen Schrittmacher einpflanzen zu lassen. Nicht nur der Tabak aus Brasilien ist ausgezeichnet, auch die Chirurgen sind es: «Weil die Schönheitschirurgie in Brasilien so wichtig ist, können die Brasilianer perfekt Wunden nähen. Von der Narbe ist fast nichts mehr zu sehen.»
Ein wichtiges Standbein sind neben den klassischen Villiger-Stumpen handgerollte Luxuszigarren, die sich auch in Asien immer grösserer Beliebtheit erfreuen. Beliebt bei den Villigers sind auch Ausflüge in die Welt der rollenden Räder, etwa als Sponsor eines Formel-1-Teams in den 70er-Jahren.
Als allerdings der Australier Alan Jones (72) 1977 den einzigen Grand Prix für den Shadow-Rennstall gewinnt, der Heckflügel mit dem Villiger-Kiel-Schriftzug als erster durch Ziel rast, ist der Patron nicht dabei: «Das war Künstlerpech», sagt Villiger heute. «Weil ich meine Frau mit den kleinen Kindern nicht jedes Rennwochenende alleine lassen wollte, habe ich auf die Reise nach Zeltweg in Österreich verzichtet.»
Zwar steigt Heinrich Villiger auch heute noch gerne auf ein Mountainbike. Doch das Abenteuer mit der Velomarke Villiger dauert gerade mal gut zwei Jahrzehnte, ein Klacks in der über 130-jährigen Firmengeschichte: «Die Villiger-Velos in die USA zu verkaufen, das hat schon wehgetan», erinnert sich Villiger. «Aber am Schluss sagten wir uns: Schuster, bleib bei deinem Leisten!» Mit den Velos schaffte es Villiger auf die BLICK-Frontseite – als 1993 die Velofabrik abbrannte.
Der Stammsitz der Firma Villiger liegt im luzernischen Pfeffikon. Doch seit über einem halben Jahrhundert hat Heinrich Villiger sein Büro im deutschen Tiengen, wo er unter der Woche seine 10-Stunden-Arbeitstage verbringt – wenn er nicht gerade auf Reisen ist, um das weitverzweigte Firmenimperium zu besuchen. Etwas kürzertreten? Ja, vielleicht, aber frühestens in einem Jahr, dann könne er vielleicht auf fünf Stunden Arbeit pro Tag zurückschrauben. «Es macht sich schon nicht so gut, wenn man mit über 90 noch arbeitet», gibt Villiger zu bedenken. «Es besteht die Gefahr, dass einen die Leute nicht mehr ernst nehmen, sich fragen, muss der wirklich bis zum bitteren Ende arbeiten.»
Ein Nachfolger aus der Familie ist allerdings nicht in Sicht. «Im Moment gibt es niemanden in der Familie, der die Ausbildung hätte, ein Unternehmen zu führen», sagt Villiger. Und er weist auf eine mögliche Lösung hin: «Zurzeit sind wir in der Geschäftsleitung zu dritt, das funktioniert gut.» Es müsse ja nicht immer einer alleine an der Spitze stehen, ergänzt Villiger noch. Und lässt so anklingen, dass die traditionsreiche Zigarrenmanufaktur eine moderne Führung bekommen könnte, die jedem Start-up-Unternehmen gut anstehen würde. Doch noch sagt der dienstälteste Patron der Schweiz, wie und wo die Zigarren gerollt werden.
Zum Beispiel als er 2004 im BLICK scharf gegen Thomas Zeltner ...
... den damaligen Direktor des Bundesamts für Gesundheit, schiesst.
Einmal «Mann des Tages», dreimal «Manager des Tages»: Villiger schafft es in seiner Karriere immer wieder in den BLICK.
Villiger auf der Frontseite: 1993 zerstörte ein Brand die Velofabrik.
In einem Porträt über den dienstältesten Patron der Schweiz ...
... zeigte Villiger 2016 noch keine Absicht, mit dem Alter etwas kürzertreten zu wollen.