BLICK vom 14. November 1997

So bunt und fröhlich seine Zeichnungen, so schwarz sind die Dramen, die der grosse Illustrator Ted Scapa erleben musste. Nie verloren hat er dabei seinen Humor und die Freude am Malen.
Flavia Schlittler (Text), Darrin Vanselow (Fotos und Video)
Seine Zeichnungen sind bunt, fröhlich und voller Leichtigkeit. Sie sind figürlich und verspielt, wie von Kinderhand gefertigt. Kein Strich lässt erahnen, dass das Leben des Machers Ted Scapa (88) oft von einem dicken schwarzen Stift gezeichnet wurde. Sein Schloss in Vallamand VD am Murtensee ist voller Erinnerungen an alte Freunde, die alle schon gestorben sind. Scapa besitzt das letzte Bild von Jean Tinguely (1925–1991), einem langjährigen Vertrauten und Weggefährten. «Unser Ritual bestand darin, dass ich am Sonntag mit Gipfeli zu ihm ging, er wohnte ein paar Gemeinden weiter. Dann sprachen wir vor allem über Autos, nie über Kunst. In Jeans Wohnzimmer stand ein Formel-1-Rennwagen. Er liebte es, über die Maschinen zu sprechen. Und immer wenn ich ging, gab er mir ein Bild als Geschenk mit», erinnert sich der grosse Illustrator.
Das letzte Bild von Tinguely ist versehen mit der Widmung: «In Erinnerung an einen Sonntag im Mai.» «Ich sagte Jean, es ist doch August. Er meinte nur, jeder Monat sei gut.» Nur Stunden nachdem Scapa sich von seinem Freund verabschiedet hatte, bekam dieser eine Hirnblutung. Tage danach ist Tinguely gestorben.
Ted Scapa besitzt das letzte Werk seines Freundes Jean Tinguely aus dem Jahr 1991.
Leidenschaftlicher Sammler: Das Wohnzimmer von Illustrator Ted Scapa.
Auf Scapas Terrasse steht eine Eisenskulputur von Bernhard Luginbühl (1929–2011), die vor sich hin rostet und für Scapa immer schöner wird. Die letzten Fotos von Marilyn Monroe (1926–1962), welche der Fotograf Bert Stern (1929–2013) von ihr gemacht hat, hängen im Wohnzimmer unterhalb des epochalen Miami-Werks von Verpackungskünstler Christo (84). Auf dem Boden stehen Skulpturen aus Afrika. Im Raum nebenan gibt es einen roten Samtsessel aus China. «Ich liebe all diese Erinnerungen. In vielen einsamen Momenten sind sie es, die mich mit dem Hauch so vieler schönen Lebenszeiten erfüllen.
Scapa kämpft, geniesst, lacht gerne und leidet. Kein Tag vergeht, an dem er nicht an seine geliebte Tochter Ghita (†42) denkt, die 2005 nach der Geburt ihrer Zwillinge Jill und Chet noch im Spital an den Folgen eines Aortarisses starb. «Warum sie, weshalb so früh, wieso konnte es nicht verhindert werden?» Noch immer quälen Scapa diese Fragen, auf die er nie eine Antwort erhalten wird.
Das Bild «Arche» hat Scapas verstorbene Frau Meret gemalt. Es hängt in seinem Schlafzimmer.
Die Abbildung von Christo und Jeanne-Claudes Werk «Surrounded Islands, Biscayne Bay, Greater Miami, Florida 1980-1983» hängt genauso an Scapas Wohnzimmerwand wie Bert Sterns Fotografien von Marilyn Monroe.
Marilyn Monroe, aufgenommen von Bert Stern.
Ein Zimmer ist voller Zeichnungen von Scapas Freund Jean Tinguely.
Jean Tinguely sprach mit Ted Scapa am liebsten über Autos und beschenkte ihn nach den sonntäglichen Besuchen jeweils mit einer Zeichnung.
Das Treppenhaus im Schloss ist mit afrikanischer Kunst ausgestattet.
Die beiden Künstler Jean Tinguely und Ted Scapa waren langjährige Freunde und Wegbegleiter.
Nun ist es das Bemühen der «Spielhaus»-Legende der 60er- und 70er-Jahre, noch lange für seine mittlerweile 14-jährigen Enkel da zu sein. «Jill gehört zu den besten jungen Ping-Pong-Spielerinnen der Schweiz, Chet zu den besten Junior-Schachspielern. Ich bin sehr stolz auf sie», so Scapa, der ergänzt: «Ich habe keine Zeit für den Tod – auch wegen ihnen nicht.»
Noch so viele Geschichten über ihre Mutter möchte er ihnen erzählen. Wie begabt sie war. Mit 26 Jahren habe sie den Doktor in chinesischem Eherecht gehabt, ohne selbst je verheiratet gewesen zu sein. Und von ihrer Grossmutter Meret (†85), Scapas grosse Liebe, die nach dem Tod der gemeinsamen Tochter in einen Schockzustand verfiel, kaum mehr gehen und sprechen konnte, wovon sie sich nie erholte. Vor drei Jahren ist auch sie gegangen.
Bei all den Dramen, welche der Schweizer Künstler mit holländischen Wurzeln erlebt hat – den Schalk in den Augen und seinen Humor hat er nie verloren. Fragt man ihn nach seinem Alter, sagt er gerne: «20 oder so ...» Seinen Wohnort bezeichnet er meist mit «hinter dem Mond.» Und über den Tod sagt er: «Wenn ich auf die grosse Reise gehe, nehme ich eine Uhr mit, damit ich nicht zu spät zu meinen Verabredungen hinter den Wolken komme. Da treffe ich Ghita, Meret und all meine Freunde. Dass ich sie wiedersehen werde, gibt mir die Hoffnung weiterzumachen. Und ich habe noch viel vor.»
Mit seiner Tochter Tessa (52) möchte er reisen. Mehrmals im Jahr zieht es ihn auf sein Gut in der Bretagne. Auch da sei es voller Erinnerung. Und kein Tag vergeht, an dem er nicht malt; er plant Workshops für Kinder und gestaltet gerade seinen Kalender für nächstes Jahr. Malen ist für ihn Freude, Leidenschaft und Therapie zugleich. Nach dem Besuch von BLICK, mit Cappuccino und der regionalen Zucker-Rahm-Kuchenspezialität Gâteau de Vully, ist es wieder Zeit für Scapa, die Buntstifte hervorzunehmen und fröhliche Figuren zu zeichnen.
Ted Scapa und seine Tochter Tessa geben sich gegenseitig Kraft.
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Das Teppichdesign und das grosse Bild stammen von Ted Scapa. Sein Schloss in Vallamand am Murtensee gleicht einem Museum.