Peter Sauber ist der Motorsport-Pionier der Schweiz. Mit BLICK reist der 75-Jährige in seine eigene Vergangenheit zurück.

Daniel Leu (Text, Video), Christian Merz (Fotos), Gabriel Vilares (Video)

Es ist ruhig an diesem sonnigen Mai-Tag im zürcherischen Sternenberg. Nur vereinzelt sind ein paar Leute unterwegs. 1967 wars deutlich umtriebiger. Damals fand hier ein Bergrennen statt. Mit am Start: Peter Sauber.

Jetzt ist Sauber wieder in Sternenberg. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Aus dem unbekannten Hobbyrennfahrer wurde längst der Motorsport-Pionier unseres Landes. Der Schweizer des Jahres 2005. Der Formel-1-Teamchef, der es mit den englischen und italienischen Teams aufnahm.

Mit BLICK schaut Sauber noch einmal auf seine Anfänge zurück. «Ich kann mich kaum noch an das Rennen 1967 erinnern», erzählt Sauber im Restaurant Sternen, das durch den Film «Sternenberg» mit Mathias Gnädinger 2004 schweizweit bekannt wurde.




Erste Rennerfahrungen als VW-Käfer-Pilot

Dass Sauber heute auf ein halbes Jahrhundert Motorsport zurückblicken kann, war so nicht geplant. Sein Weg war anders vorgezeichnet: Lehre als Elektromonteur, Technikum in Winterthur ZH, Meisterprüfung, Erfahrungen in anderen Betrieben sammeln und dann in die Firma seines Vaters einsteigen, einem Unternehmen in der Elektroindustrie.

Doch es kam anders. Rückblende. Schon kurz nach Aufnahme des Studiums in Winterthur realisiert er, dass der geplante lange Weg in den elterlichen Betrieb nicht das Richtige ist, und er bricht das Studium ab. Er versucht sich fortan in verschiedenen Jobs.

Sauber fuhr damals einen VW Käfer. Durch einen Bekannten lernt er Arthur Blank kennen, der im Zürcher Seefeld Käfer frisiert. Blank ist ein guter Verkäufer und überredet Sauber, eine Debütanten-Rennlizenz zu lösen. Mit einem Käfer, den Sauber bei Blank gekauft an, startet er an verschiedenen Rennen, unter anderem in Sternenberg. «Das Rennfahren war aber nie eine Passion von mir. Ich war zwar nicht langsam, aber auch kein Talent.»





Aus zwei alten Brabham konstruierte er seinen ersten Rennwagen

Zusammen mit Ruedi Siegfried, einem Hobbyrennfahrerkollegen, entwickelt sich die Idee, selber ein Rennauto zu bauen. Er leiht sich von seinem Vater Geld, kauft sich zwei alte Brabham-Formel-3, um deren Fahrwerke sowie Motoren und Getriebe für den Bau eines zweisitzigen Rennwagens zu verwenden.

Im Keller des Elternhauses, das früher das Spielzimmer war, beginnt er zusammen mit seinem Kollegen zu konstruieren, zu bauen, zu löten. «Das war schon schwierig. In der Schweiz Rennwagen zu bauen, war eine «Mission impossible». Warum ich sie in Angriff genommen habe und über all die Jahre auch in schwierigen Zeiten meinen Weg nicht verliess? Rückblickend wohl deshalb, weil ich vor der ursprünglichen Aufgabe, nämlich ins Familienunternehmen einzusteigen, kapituliert habe.»

Sauber arbeitet Tag und Nacht an seinem Rennwagen. Seine Frau Christiane sieht er kaum noch. Sein Vater beruhigt sie: «Du musst Geduld haben. Das ist wie bei einer Krankheit. Das geht vorbei.»

Um den ersten C1 aus dem Keller zu bekommen, muss er einen Schlitz in die Mauer fräsen

Nach Monaten ist er endlich fertig: der C1. C wie Christiane. Er benennt sein erstes Auto aber nicht nur aus Liebe zu seiner Frau so. Das A (Renault Alpine) und das B (Brabham) waren schon weg. «Da fand ich das mit dem C eine charmante Lösung.» Dass er den C1 gelb lackiert, ist kein Zufall. Das ist die Hausfarbe der Firma seines Vaters.

Ein Problem gibt es aber noch. Um das Fahrzeug aus dem Keller zu bringen, muss ein grosser Schlitz in die Mauer gefräst werden. So erblickt der C1 doch noch das Licht der Welt. Und feiert gleich die ersten Erfolge. 1970 gewinnt Sauber damit die Schweizer Sportwagen-Meisterschaft. Danach konzentriert er sich auf den Bau von Rennautos. 1974 fährt er sein letztes Rennen.

Damit Geld verdienen lässt sich zu Beginn kaum. Obwohl Sauber der Chef ist, lässt er sich selbst nur den Lohn eines Mechanikers auszahlen. «Die ersten Jahre waren finanziell sehr hart.» Sauber schafft es, denn auch wenn er in einem bürgerlichen Umfeld aufgewachsen ist, hat er gelernt, mit Geld umzugehen und sparsam zu leben.



«Made in Hinwil» wird Weltspitze

Saubers Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Seine Boliden «Made in Hinwil» werden Weltspitze. Er bringt Mercedes in den Motorsport zurück und feiert 1989 beim legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans einen Doppelsieg. 1989 und 1990 wird Sauber Sportwagen-Weltmeister. 1993 steigt er in die Formel 1 ein.

2016 schliesslich zieht sich Sauber komplett aus der Formel 1 zurück. Verkauft seine Anteile. Doch die Erfolgsgeschichte geht auch ohne den Patron weiter. Dass der aktuelle Bolide C38 nicht mehr Sauber, sondern Alfa Romeo Racing heisst, kann Sauber akzeptieren. «Es gibt zwei Seiten. Mir persönlich tut das weh. Aber was fürs Team gut ist, ist auch für mich gut.»

Eine Frage bleibt noch zu klären: Wie hat es Peter Sauber so weit geschafft – von Sternenberg in die Formel 1? Sauber überlegt an dem Ort, wo vor 52 Jahren alles begann, einige Sekunden. Dann sagt er bescheiden: «Ich konnte die Mitarbeiter, Kunden und Partner für meine Ideen begeistern, sie haben mir immer vertraut. Ich denke, das war der Schlüssel zum Erfolg.»