BLICK vom 16. Februar 1970: Russi wird in Val Gardena überraschend Weltmeister in der Abfahrt.

Bernhard Russi schrieb gleich in zwei Rollen BLICK-Geschichte. Als Lieferant von goldenen Schlagzeilen – und als Verfasser von fachmännischen Ski-Kolumnen.
Erich Morger (Text), Sven Thomann (Fotos) und Martina Baltisberger (Video)
Fotos von Bernhard Russi (71) in Skijacke und Skihose, kennen wir. Für eine Story zu 60 Jahre BLICK sollte es doch eine Oktave festlicher sein.
Was viele nicht wissen: Russi ist ein begeisterter Musik-Fan. Passiv und aktiv. «Ihr wollt mich an einem Klavier auf einer Bühne ablichten? Gute Idee. Ob im Hotel, Restaurant oder in einer Bar: Ich kann an keinem Klavier vorbeigehen, ohne den Deckel zu heben und eine Taste anzuschlagen. Diese Versuchung war schon immer extrem gross. Pianos ziehen mich magisch an. Und ich glaube, ich kann euch sogar eine Bühne organisieren.»
Gesagt, getan.
Andermatt. Russis Heimat. Ihr hat der ägyptische Investor Samih Sawiris neues Leben eingehaucht. Auch mit der neuen Konzerthalle, welche im Juni mit einem phänomenalen Auftritt der Berliner Philharmoniker eröffnet wurde und bis 700 Zuschauern Platz bietet. «Die liess Sawiris auch ein wenig für sich bauen. Auch er liebt die Musik.»
Bernhard Russi setzt sich mitten auf der Bühne an den mattglänzenden Steinway-Flügel. «Darf ich wirklich?» Ja, er darf. Ehrfürchtig, fast ängstlich berührt er die ersten Tasten. Vielleicht besser, weiss er nicht, dass dieses Instrument rund 190 000 Franken kostet, dass es oft zweimal am Tag gestimmt wird. Russi: «Ich wäre gerne ein Musikstar gewesen. Ich bin gerne auf der Bühne. Da muss man einfach ehrlich sein: Spitzensportler wollen den Applaus.»
Russi erntet ihn erstmals so richtig vor 39 Jahren in Val Gardena. Mit seiner Fahrt zu WM-Gold. War das auch Kunst? «Nein, das war eine Fahrt ‹alles oder nichts›. Mit wenig Aussicht auf Erfolg.»
Lieber als reden mag Russi aber jetzt spielen. Die ersten Töne der Mondscheinsonate von Beethoven schwingen durch den Saal. Welche Frau würde in diesem Moment nicht schwach werden? Wie kam Russi überhaupt zum Klavierspielen? «Leider war ein Klavier für meine Eltern zu teuer.» Als Ersatzvariante erhielt der kleine Bernhard mit 7 an Weihnachten um 15 Uhr eine Handorgel. «Ich hatte zuvor noch nie auf einer gespielt. Aber bereits um 18 Uhr konnte ich Stille Nacht, heilige Nacht vortragen. Die ganze Familie sang mit.» Ein gewisses musikalisches Talent war also vorhanden.
Der Traum vom «Piano Man» lebte weiter. Wahr machte ihn seine Frau. «Mari entdeckte in Luzern in einem Brockenhaus einen gebrauchten Flügel. Sie liess sich darauf vorspielen, war begeistert – und schenkte ihn mir zum 60. Geburtstag.» Tönt nach einer unbezahlbaren Geburtstagsüberraschung. «Nein, nein, der Transport nach Andermatt war teurer als der Flügel.»
Am Anfang lernte er autodidaktisch. Später zeigte ihm Che – vom Boogie-Woogie-Duo Che & Ray – ein paar Tricks. Zum 65. Geburtstag erhielt er Stunden bei Felicitas Strack von Artemis, einem Trio mit Geige, Cello und Piano. «Ich sagte ihr, ich brauche keine Lehrerin, sondern einen Coach, der mir sagt, wie ich üben soll.» Ihr wichtigster Tipp: Schwierige Dinge ganz, gaaaaanz langsam üben.
Musik und Gesang war für Bernhard schon in der Kindheit «sehr wichtig. Ich genoss es, als ich in der Kirche auf der Empore singen durfte.» Heute ist einer seiner Lieblinge Michel Petrucciani. Der 1999 verstorbene Jazzpianist war kleinwüchsig und litt unter der Glasknochenkrankheit. «Leider habe ich ihn nie live gesehen», sagt der Abfahrtsolympiasieger von 1972.
Sport und Musik – oft liegen sie näher beieinander, als man denkt. Die dreifache Gesamtweltcupsiegerin Mikaela Shiffrin erklärt, es habe beim Skifahren alles mit Rhythmus zu tun. Schon bei der Besichtigung schaffe sie es, sich den Rhythmus eines Laufes vorzustellen.
Hat Russi ähnliche Erfahrungen? «Ja, Rhythmus ist unglaublich wichtig. Ich habe schon den ersten Walkman auf der Piste benützt. Aus Trainingszwecken, dass ich gezwungen war, einen gewissen Rhythmus zu fahren.»
Einen Schritt weiter geht ein deutscher Musiker, der sagte: «Die drei wichtigsten Dinge meines Lebens haben mit Rhythmus zu tun – Musik, Sport und Sex.» Trifft diese Aussage auch auf Bernhard Russi zu? «Ja, nur in einer anderen Reihenfolge. Sport an erster Stelle...», sagt Russi und lacht herzhaft.
Wir wechseln das Thema. Schreiben. Auch hier nützt ein guter Rhythmus. Im Dezember 1976 erschien Russis erste BLICK-Kolumne. «Ich hatte von drei Verlagen ein Angebot und entschied mich für Ringier. BLICK war am nächsten beim Stammtisch. Das gefiel mir.»
Und wie war die Arbeit an der Schreibmaschine? «Aufsätze schreiben habe ich in der Schule gehasst, brachte im Deutsch auch keine sehr guten Noten heim. Aber ich wollte das Schreiben unbedingt lernen. Für meine erste Kolumne brauchte ich mehrere Tage.» Jenem Mentor ist er noch heute dankbar, der ihm eine Kolumne zurückgab mit dem Kommentar: «Was hast du denn da für einen Mist geschrieben!»
Was Leser immer wieder wissen wollen: Schreibt Russi seine Kolumnen wirklich selbst? «Ja, zu 95 Prozent. Früher, in Übersee, konnte es vorkommen, dass ich kurz vor Redaktionsschluss noch in der TV-Kabine sass. Dann gab ich meine Meinung auch mal am Telefon durch.»
Russi kennt die Mechanismen des Boulevard aus eigener Erfahrung. «Ein Profisportler muss auch negative Schlagzeilen ertragen können.» Anders sei das beim Mann von der Strasse. «Da wünschte ich mir manchmal eine Spur Zurückhaltung. Auch wenn die Story zu hundert Prozent stimmt.»
Zwei Stunden in der Konzerthalle vergehen wie im Fluge. Russi spielt ein letztes Ständchen zum BLICK-Geburtstag. «Imagine», John Lennons Hymne an den Frieden. Auch sie ist magisch.
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