Unterm Strich ist Thomas Minder mit dem Ergebnis seiner Abzocker-Initiative zufrieden: Die schlimmsten Lohnexzesse gehören der Vergangenheit an. Minder hat ein neues Ärgernis ausgemacht: Die Lobbyisten unter der Bundeshauskuppel.

Christian Kolbe und Ulrich Rotzinger (Text), Valeriano Di Domenico (Fotos, Video)


Rund um Thomas Minder (58) rattern die Trams. Wir treffen den Vater der Abzocker-Initiative auf dem Zürcher Paradeplatz. Als Minder seine Initiative lancierte, waren neben der Pharmaindustrie die exorbitanten Gehälter der Bankenbosse das Feindbild des Schaffhauser Politikers: «Wir hatten damals viele Abzocker. Allen voran die Banken mit Marcel Ospel und Peter Wuffli, aber auch die Pharmabranche mit Daniel Vasella.»

Sollte Minder nochmals eine Initiative anpacken, dann ist klar, welches Thema er heute wählen würde: «Wenn ich genügend Geld hätte, dann würde ich heute anstatt Lohnexzesse die Lobbyisten in Bern bekämpfen. Das regt mich noch mehr auf», erklärt der Politiker, der seit 2011 für Schaffhausen im Ständerat sitzt. «Erstens hat es zu viele Lobbyisten im Bundeshaus, und zweitens drücken viele Parlamentarier die Abstimmungstaste für denjenigen, der ihnen das Geld gibt.»




Alles begann mit dem Ende der Swissair

Mit wenig Geld das grosse Geld und die Mächtigen bekämpfen. Damit hatte Minder schon einmal Erfolg. «Das erste Mal ist mir der Kragen geplatzt, als Mario Corti bei der Swissair zwölf Millionen Franken als Vorauszahlung erhielt.» Das war 2001, kurz bevor die nationale Airline gegen die Wand flog.

Der Hintergrund von Minders Wut: Seine Firma hatte einen Grossauftrag an Land gezogen, durfte für die Swissair Eau de Toilette, Feuchtigkeitscreme und Handlotion produzieren. Doch die Swissair ging bankrott, die Rechnung wurde nie bezahlt. Immerhin: Einen Grossteil der Produktion konnte der Schaffhauser an die Nachfolgegesellschaft Swiss verkaufen.

Fünf Jahre später sorgten die Banker mit ihren Lohnexzessen für Schlagzeilen. Insbesondere UBS-Boss Marcel Ospel, der 24 Millionen Franken einstrich. Die Empörung war riesig – und BLICK führte die Abzocker-Währung Ospel ein: «1 Ospel = 24 Millionen! = 60 Bundesräte, = 307 Baggerfahrer, = 857 Putzfrauen», rechnete BLICK auf der Front vor. Diese Rechnung machte allen klar, ein Ospel, das ist salärmässig jenseits von Gut und Böse.


Ospel will sich nicht mehr äussern

Gerne hätten wir gewusst, was Marcel Ospel (69) heute über sein Salär von damals denkt. Doch seine Antwort kommt prompt, höflich und bestimmt: «Besten Dank für Ihre Anfrage. Seit Jahren verzichte ich auf Medienkontakte dieser Art. Daran möchte ich auch in dieser Situation nichts ändern.» Ospel zeigte sich schon damals unbeeindruckt von den Schlagzeilen, ganz im Gegensatz zu Minder.

«Schweizer Unternehmer plant Volksinitiative gegen Ospel-Löhne», stand am 27. April 2006 auf der Front des BLICK. Der Schaffhauser Unternehmer und Ständerat weiss, wie eng der Erfolg seiner Initiative mit dieser Zeitung verknüpft ist. «Das hat mir gewaltig geholfen», sagt Minder heute. «BLICK hat mir das Terrain bereitet, hat zusätzliches Öl ins Feuer gegossen.»


Minder ist zufrieden

Doch selbst das kurz darauf lancierte «Monospely – das Spiel um Macht und Moneten» konnte nicht verhindern, dass es noch lange dauerte, bis das Stimmvolk über die Abzocker-Initiative entscheiden durfte. Der Druck auf den Initianten war teilweise riesig, von «Theater» und «Hickhack» erzählt Minder, ihm wurde immer wieder nahegelegt, die Initiative zurückzuziehen. Denn die Mächtigen spürten, dass die Vorlage Erfolg haben könnte. Doch Minder machte weiter. «Ich glaube, die Schweizer Bürger hätten mir das Haus angezündet, wenn ich zurückgezogen hätte», erzählt Minder.

Denn die Schweizer Stimmbürger waren von der Vorlage derart begeistert, dass sie die Abzocker-Initiative mit über zwei Drittel Ja-Stimmen im März 2013 annahmen. Dies ist die dritthöchste Zustimmungsrate, die je eine Initiative erzielt hat. Eine Initiative, die die Manager zwar nicht verarmen liess, ihre Gier aber doch gezügelt hat. «Es hat sich doch einiges geändert, die Exzesse von früher, die haben wir heute nicht mehr», sagt Minder zufrieden.