Das Schicksal von Marvin (damals 6) aus Olten SO hat vor 11 Jahren die Schweiz bewegt. Nachdem der Kindergärtler auf einem Zebrastreifen angefahren worden war und im Koma lag, kämpfte er sich zurück ins Leben. Heute ist er 17 – und spürt die Unfallfolgen noch immer.

Ralph Donghi (Text, Fotos und Video), Tyron Kaiser (Video)

Die Geschichte des kleinen Marvin Widmer (damals 6) aus Olten SO hat die Menschen tief berührt. Der Kindergärtler wurde am 7. Januar 2008 auf einem Fussgängerstreifen von einem Auto gerammt und 25 Meter mitgeschleift. Das Bild, das ihn – zugedeckt mit einem Spiderman-Oberteil – im Koma im Spital zeigte, traf die Leser mitten ins Herz. Sechs Wochen später erwachte Marvin. Und kämpfte sich zurück ins Leben.

Nach dem Unfall besuchte BLICK Marvin und seine Familie während eines ganzen Jahres immer wieder. Und heute? Wie geht es dem 17-Jährigen?


Heute hat es an der Unfallstelle in Olten SO eine Mittelinsel und eine Lichtsignalanlage.

Im Reihenhaus an seinem alten Wohnort nahe der Unfallstelle waren Marvin und seine Familie nicht mehr zu finden. Dort hatte Marvins Mutter Timmy Berger (59) im Parterre im Thai-Restaurant ihres Freundes gekocht.

BLICK fand heraus: Nach dem Unfall reiste die Familie von Marvin mit ihm zurück ins Heimatland Thailand – und kehrte dann doch wieder zurück. Heute lebt die Familie in Rickenbach SO: Marvin wohnt seit zwei Jahren mit seiner Mutter und seiner Schwester Celina (19) in einem Mehrfamilienhaus.

BLICK trifft die Familie an einem Sonntag zu Hause an. Mutter Timmy Berger begrüsst den Reporter freundlich, bittet ihn herein – denn die Lageristin ahnt schon, worum es geht. «Marvin schläft noch. Ich wecke ihn!» Kurz darauf steht er da. Ein wenig zerzaust. Aber immer noch mit dem gleichen Schalk in den Augen. Auch seine Schwester Celina, eine Dentalassistentin-Stiftin, wird wach.


Marvin war zweieinhalb Jahre in Thailand

Timmy Berger erzählt, dass sie sich von Marvins Vater getrennt habe. Und dass sie nach der Reha von Marvin tatsächlich nach Thailand gezogen seien – für zweieinhalb Jahre. «Wir wollten uns dort erholen. Doch es hat uns zurück in die Schweiz gezogen.»

Dann kramt die Mutter die Genesungskarten und BLICK-Artikel von damals hervor: «Ich habe alles noch. Marvin habe ich sie noch nie gezeigt. Aber jetzt könnte es passen.»




Als Marvin bereit ist, schaut er sich die Artikel zum ersten Mal an. Er grinst und runzelt die Stirn. «Ich kann mich nicht mehr so gut erinnern», sagt er. «Nur, dass ich lange im Spital war, nicht so viel reden und fast nichts machen konnte.»

Kein Wunder: Beim Unfall trug er schwerste Kopfverletzungen davon, erlitt ausserdem einen Bein- und einen Beckenbruch. Marvin rang mit dem Tod, lag im künstlichen Koma. Dass er als Sechsjähriger einen derart schlimmen Unfall überlebt hat, bedeutet vor allem eins: Glück. Marvin sagt heute: «Ich bin froh, dass ich überlebt habe.»

Für die Familie war die Zeit ein Albtraum. «Dieses Bangen war eine sehr schlimme Zeit für mich», sagt Timmy Berger. Die hat auch Celina nicht vergessen: «Ich ging jedes Mal mit meiner Mutter ins Spital zu Marvin. Ich habe einfach gehofft, dass alles gut kommt.»

Umso grösser war die Freude, als der Sechsjährige aus dem Koma erwachte. «Die buddhistischen Mönche haben mir mit ihrem Gebet geholfen», sagt Marvin. Mit Therapien kämpfte er sich danach zurück ins Leben. Das Sprechen, Lesen und Lernen habe ihm noch lange Mühe gemacht. Aber er schaffte es: «Ich bin später ganz normal zur Schule gegangen.»


Unfallfahrer entschuldigte sich

Marvin trug beim Unfall einen Leuchtbändel. Der Autofahrer (damals 37) sagte dennoch, er habe ihn auf dem zweiten Teil des Zebrastreifens wegen der Dämmerung nicht gesehen, entschuldigte sich nach dem Unfall mit einer Karte bei Marvin. Zu was er verurteilt wurde, weiss Marvin nicht. Er hat ihn auch nie getroffen. Möchte er das? «Er existiert für mich nicht. Aber ja, warum nicht.»

Heute hat es beim Fussgängerstreifen längst eine Mittelinsel und eine Lichtsignalanlage. «Das ist positiv», sagt Marvin. Er freue sich zudem sehr, dass er im Januar eine Lehre im Detailhandel habe anfangen können.

Doch die Spätfolgen des Unfalls melden sich manchmal zurück. Seinen Traum vom Profifussballer wird Marvin nie verwirklichen können. Und wenn er bei der Arbeit zu lange steht, hat er Schmerzen im rechten Bein.

Aber das hält ihn nicht davon ab, seinen Hobbys nachzugehen. «Ich mache Breakdance und skate.» Er sei zudem froh, dass er immer noch so ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter und zur Schwester habe. Die sind nur eines: «Glücklich, dass wir Marvin auch heute noch in die Arme schliessen können.»