BLICK vom 12. Juni 1972: Hitzfeld ist bei der FCB-Meisterfeier mittendrin.

Ottmar Hitzfeld ganz privat: Im Elternhaus, wo er bei einem Unfall viel Glück hatte. In der Grundschule, wo man Ohrfeigen bekam. In der Kirche, wo er seine Frau heiratete, nachdem er sich von der Verlobten getrennt hatte. Und die Rolle von BLICK beim Tod des Bruders.
Andreas Böni (Text), Stefan Bohrer (Fotos) und Lucas Werder (Video) aus Lörrach (D)
Die Fenster des Nachbarhauses sind vergittert. «Hier», sagt Ottmar Hitzfeld und deutet auf zwei Metallpfosten, «haben wir zwischen den Wäscheleinen immer gekickt. Bis die Fenster da drüben zu Bruch gingen und Gitter eingebaut wurden.»
Ottmar Hitzfeld, inzwischen 70 Jahre alt, steht im Garten seines Elternhauses. Seine Schwester bewohnt es heute. Und eine Birke, die Hitzfelds Leben prägen sollte, steht da noch immer stolz und hoch.
Hitzfeld im Garten seines Elternhauses: Die Stangen für die Wäsche seiner Mutter dienten als Tor.
Sie stand für Schutz: «Auf diesen Baum bin ich immer hochgeklettert, wenn ich was angestellt hatte und es hätte Schläge absetzen könnte.» Aber auch für Gefahr. «Hier war früher eine Elektrizitätsleitung», sagt Hitzfeld. «Ich sass auf dem Baum und schnitt ihn. Der Ast, den ich abschnitt, fiel direkt auf die Leitung. Die Funken sprühten, es gab einen riesigen elektrischen Schlag. Aber weil ich auf dem Baum sass, wurde alles abgeleitet. Sonst wäre ich tot.» Seine Mutter Erika sieht es von der Küche aus, hat einen Riesen-Schreck.
Hier wuchs Hitzfeld auf: Das Elternhaus in Lörrach.
Sein Zuhause, das bedeutet Hitzfeld alles. Egal, ob er in Dortmund oder München trainiert, er hat immer Heimweh. Nach Lörrach, wo er mit vier Geschwistern aufwächst. «Wir waren aber praktisch zwei Generationen. Der Älteste war 17 Jahre älter als ich.»
Der Grund ist der Zweite Weltkrieg. «Mein Vater war an der Front in Russland, als Sanitäter, weil er ja Zahnarzt war. Nach dem Krieg ist er durch ganz Deutschland mit Güterzügen der russischen Gefangenschaft entkommen. Er kam dann in französische Kriegsgefangenschaft, die aber niemals so hart war wie die russische. Er war ein Jahr in Strassburg im Gefängnis.»
Dies hinterlässt tiefe Wunden in der Welt von Papa Robert, der 1999 starb. «Mein Vater hat nie darüber geredet. Nie. Es muss für ihn extrem schlimm gewesen sein. Du hast Familie zu Hause, zwei kleine Söhne und eine Frau. Und du verabschiedest dich und weisst nicht, ob du je wieder nach Hause kommst ... Es ist eigentlich grausam.»
Hitzfeld und die Emotionen. Er ist ein Mann, der vieles mit sich ausmacht, in sich hineinfrisst. Aber der auch offen über seine Gefühle sprechen kann. Schon in den 70er-Jahren lernt er den Tod kennen. Sein Bruder Berthold stirbt mit etwas über 40 Jahren.
«Er war auch Zahnarzt, wie mein Vater. Dann bekam er Krebs, das war furchtbar, ihn schon so früh zu verlieren.»
Und 2014 ist es, als die ganze Schweiz an Hitzfelds Trauer teilnimmt. Er erzählt: «Vor der WM 2014 erkrankte dann auch mein Bruder Winfried an Krebs. Ich habe mich noch von ihm verabschiedet. Ich wusste, dass er die WM wahrscheinlich nicht überlebt.» Zwei Tage vor dem Achtelfinal gegen Argentinien stirbt er. «Meine Frau wollte es vor mir geheim halten, aber ich sagte: Ne, ich will doch wissen, wenn mein Bruder stirbt ... Aber ich wollte es vor der Öffentlichkeit geheim halten. Nur hat es dann der BLICK herausgefunden.»
Das bringt ihn in die Zwickmühle. «Ich habe lange überlegt, was ich nun mache. Ich wusste: Wenn ich vor der Mannschaft darüber rede, breche ich in Tränen aus. Also ging ich beim Frühstück zu jedem Spieler und gab ihm die Hand. So konnten sie mir kondolieren. Und dann versuchte ich den ganzen Fokus aufs Spiel zu legen.»
Nach der 0:1-Niederlage nach Verlängerung bricht alles aus ihm heraus. «Nach dem Schlusspfiff war der erste Gedanke wieder: Mein Bruder ist gestorben. Darum schossen mir die Tränen in die Augen am Spielfeldrand.»
Es war ab 1956 sein Schulzimmer: Hitzfeld in der Fridolinschule.
Szenenwechsel. Fridolinschule im Lörracher Stadtteil Stetten. Hier ging er ab 1956 zur Schule. «Es sieht noch genau gleich aus. Mathe und Sport machte ich am liebsten. Sprachen weniger. Ich war kein guter Schüler, machte immer nur das Minimum. Mir war das Wichtigste, dass man hier draussen kicken darf. Früher war hier alles Sand, dann wurde es geteert. Leider. Auf dem Sand konnte man besser kicken.»
Der Hausmeister kommt, erzählt, dass man zwei kleine Tore bestellt habe. Sein Vater habe Hitzfeld gekannt, aber er sei gestorben. «Ich erinnere mich», sagt Hitzfeld, «er hat aber auch viel geraucht.» Vier Päckchen, präzisiert der Hausmeister, und Hitzfeld freut sich, dass die Kinder zwei Tore bekommen. «Zu meiner Zeit durfte man hier nicht kicken. Wir haben es trotzdem gemacht. Kam aber ein Lehrer, wurdest du verjagt.»
Hitzfeld mit dem Hausmeister der Schule. Dieser hat zwei kleine Tore für die Kinder bestellt.
Hitzfeld sitzt in seinem alten Klassenzimmer, setzt sich auf die Stühle: «An der Grundschule hatte ich einen sehr strengen Lehrer. Da kriegte man auch mal Ohrfeigen. Wenn man unaufmerksam war oder abschrieb. Zu Hause hat man das nicht erzählt, weil man dann gleich noch daheim eine Tatze kassiert hätte.» Tatze? «Man musste die Hände hinhalten und wurde dann mit einem Rohrstock geschlagen. Früher bekam man zu Hause noch den Hintern versohlt.»
Prügelstrafe, in den 50ern sei es gang und gäbe gewesen: «In der Handelsschule mit 18 gab es auch einen Lehrer, der Kopfnüsse verteilte. Kopfnüsse! Das ist heute unvorstellbar, da würdest du verklagt.»
«Hier wurden wir weggeschickt von den Lehrern, wenn wir kickten», sagt Hitzfeld auf seinem früheren Pausenplatz.
Hitzfeld steht inzwischen auf seinem ersten Fussballplatz, bei TuS Stetten. «Reichert-Männermode-Arena» heisst dieser heute und hat Kunstrasen. Er zückt ein Büchlein von 1962. «Ich habe hier alle meine Spiele und meine Tore aufgeschrieben.»
Auch die Abrechnung befindet sich darin. Sein Vater gab ihm fünf Mark pro Tor. Hitzfeld erinnert sich an einen Penalty: «Mein Vater holte schon das Geld aus der Tasche. Der Torhüter hielt ihn – mein Vater drückte ihm das Geld in die Hand, weil er sauer war ... Das war eine harte Lehre, aber Motivation, das nächste Mal zu treffen.»
Hitzfeld auf der Fantribüne des TuS Stetten, wo er mit Fussball begonnen hatte.
Der Platz besteht inzwischen aus Kunstrasen. «Früher war in den Sechzehnern ein Riesen-Sumpf», sagt Hitzfeld.
Auf der Trainerbank blättert Hitzfeld in seinem Büchlein. Er hat alle Spiele und Tore seiner Karriere festgehalten.
Und sogar den einen oder anderen Matchbericht verfasst.
Vom TuS Stetten führt sein Weg zum grossen FC Basel. «Trainer Helmut Benthaus stand noch im Telefonbuch. Ich rief ihn an und fragte, ob ich zum Probetraining kommen darf. Und so begann meine Fussballerkarriere.» Sie führt ihn über Basel, Stuttgart nach Lugano und Luzern. Danach startet er seine Karriere auf der Bank, die ihn zum Welttrainer und Champions-League-Sieger 1997 mit Dortmund und 2001 mit Bayern macht.
Doch einmal, da landet der Fussballer Hitzfeld im Knast. «Wir feierten als Lugano-Spieler den Junggesellenabschied von Fredy Gröbli. Wir tranken Bier und gingen nachts um elf zu einem Kiosk und sahen, dass der Schlüssel steckt. Wir schlossen den Besitzer ein. Wir wussten nicht, dass er zwei Tage vorher überfallen worden war – und fanden es lustig. Der Mann bekam Panik und rief die Polizei, die mit Sirenen ankam.»
Hitzfeld und seine Kollegen werden verhaftet. «Es war ein komisches Gefühl, das Metall der Handschellen zu spüren und abgeführt zu werden. Wir waren alle in einer Zelle – und der Lugano-Präsident holte uns morgens um zwei Uhr raus. Fredy Gröbli hastete dann sofort nach Zürich – um zu heiraten. Es war komisch, im Knast zu sitzen und nicht zu wissen, ob der Kollege es rechtzeitig zur Hochzeit schafft ...»
Hitzfeld sitzt inzwischen in der Kirche St. Fridolin. Hier wurde er 1949 getauft, hier hatte er Erstkommunion, hier hat er 1975 geheiratet. «Da vorne in den vordersten Reihen sass ich immer», sagt er. «Als Erstklässler in der ersten Reihe, als Zweitklässler in der Zweiten und so weiter. So wusste der Religionslehrer immer, wer da ist.»
Hier heiratete er 1975 seine Frau.
Seine Frau Beatrix lernt er in der Sparkasse Stetten kennen («Ich bekam immer einen besseren Kurs, wenn ich Franken von meinem Lohn beim FC Basel wechselte») und sieht sie oft mit ihren Eltern in der Kirche. Das Problem: Sie ist liiert – und Hitzfeld sogar verlobt!
«Sie war damals mit meinem Nachbarn von der Basler Strasse zusammen», sagt Hitzfeld. «Und ich war mit einer Arbeitskollegin von ihr verlobt ...»
Dieses Paar, das Hitzfeld traf, feierte diamantene Hochzeit – seit 60 Jahren sind sie vermählt.
Andächtig: Hitzfeld mit BLICK-Fussball-Chef Andreas Böni.
Hitzfeld findet aber Gefallen an Beatrix, führt sie aus – und verlässt seine Verlobte. «Sie war sehr eifersüchtig. Ich dachte mir: Was ist, wenn sie es das ganze Leben ist? Mein Glück war, dass auch der damalige Freund von Beatrix sehr eifersüchtig war. So gingen die beiden Beziehungen auseinander, und wir fanden uns.» Während Hitzfelds Ex-Verlobte wegzieht, bleibt der Ex von Beatrix in Lörrach. «Wir grüssen uns, aber man ist distanziert, klar.»
Ottmar Hitzfeld, er ist mit sich im Reinen. Drei Enkelkinder haben ihm Sohn Matthias und seine Schwiegertochter inzwischen geschenkt. So pendelt Hitzfeld nur noch zwischen dessen Wohnort München («Ich schlafe zum Glück im unteren Stock, wenn die Kleinen oben in der Nacht kommen») und seinem Lörrach. Hier will er dereinst beerdigt werden. Noch ist hoffentlich viel Zeit, sein Vater wurde 94. «Und die Zeit seit meiner Pensionierung nach der WM 2014 sind die besten Jahre meines Lebens.»
Hitzfeld mit der Schlagzeile nach seinem Rücktritt als Nati-Trainer 2014. «Es hat mich gerührt, dass der BLICK mich mit einer Extra-Beilage ehrte.»
BLICK vom 12. Juni 1972: Hitzfeld ist bei der FCB-Meisterfeier mittendrin.
BLICK vom 14. Januar 1994: Während seiner Zeit als Dortmund-Trainer hat Hitzfeld schwere, gesundheitliche Probleme.
BLICK vom 4. Februar 2008: Hitzfeld wird Schweizer Nati-Trainer.
BLICK vom 18. Oktober 2013: Hitzfeld erklärt seinen Rücktritt als Nati-Trainer.
BLICK-Extra vom 12. Juli 2014: Hitzfeld tritt endgültig als Trainer ab.