BLICK vom 7. Dezember 1992: BLICK berichtet über Blochers grössten Erfolg. Das Nein an der Urne zum Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR).

Christoph Blocher empfängt BLICK dort, wo nur wenige hindürfen: auf seinem Schloss Rhäzüns. Hier erklärt das Polit-Urgestein, wieso es sich nicht als historische Figur sieht und welche «Dummheiten» die SVP noch bekämpfen muss.
Nico Menzato (Text), Thomas Meier (Fotos, Video), Carlo Lardi (Video)
«Ich gratuliere dem BLICK zum 60. Geburtstag und wünsche ihm weitere 60 erfolgreiche Jahre», sagt Christoph Blocher (78) auf Schloss Rhäzüns. Der SVP-Übervater hat zum üppigen Brunch geladen – und gibt eine der seltenen Führungen durch seinen Zweitwohnsitz im Bündnerland.
Keine Selbstverständlichkeit! Schliesslich hat der BLICK die Karriere des ebenso umstrittenen wie einflussreichen Polit-Urgesteins in den letzten Jahrzehnten sehr kritisch begleitet. «Schon viele haben mir geraten, nicht mehr mit dem BLICK zu reden», sagt der Patron der grössten Partei im Land. «Ich habe ihnen stets geantwortet: Ich bin ein Pfarrerssohn und habe gelernt, dass man mit allen Leuten spricht – auch mit Sündern.»
Die Berichterstattung über seine Abwahl aus dem Bundesrat 2007 hat der ehemalige Justizminister nicht vergessen. «Der BLICK hat mit einer gewissen Schadenfreude geschrieben, dass der ‹Cheib› jetzt weg ist – und dann Frau Widmer-Schlumpf zur Königin der Nation gemacht», sagt Blocher im passenden Ambiente. Der Rittersaal samt Kerker ist düster, erbaut im 12. Jahrhundert.
Der BLICK druckte damals auch Bilder, die zeigten, wie das Ehepaar Blocher aus der Berner Altstadt auszog. «Für meine Frau war die Abwahl und vor allem der Wegzug aus Bern eine Erleichterung», so der vierfache Familienvater heute. Damals sei es für ihn ein «Schlag» gewesen, rückblickend aber ist es nicht mehr als ein «Unglücksfall in meiner politischen Arbeit».
Die BDP, die nach dem Ausschluss von Eveline Widmer-Schlumpf (63) gegründet wurde, hat laut Blocher «keine Zukunft» – und nie eine gehabt. In Bern und Graubünden würden sie noch eine Weile «von der SVP-Erbschaft» leben, aber immer unbedeutender werden. «Dann wird die Partei aufgelöst», prophezeit er mit der Überzeugung des Schlossherrn, der weiss, was Bestand hat und was nicht.
Politisiert hat Blocher einst ein lokales, ja fast schon ein grünes Thema: Alusuisse wollte 1970 in seinem damaligen Wohnort Meilen ZH einen Grossbau realisieren, Blocher wurde zum Wortführer der Gegner. Als er an der denkwürdigen Gemeindeversammlung zum zweiten Mal das Wort ergriff, flüsterte der entnervte Gemeindepräsident: «Jetzt chunt dä Tubel scho wider.» Doch sein Mikrofon war nicht ausgeschaltet – alle 3000 Anwesenden hörten die Beschimpfung klar und deutlich.
«In dieser Zeit pilgerten mehrere Parteien zu mir und wollten mich für eine Mitgliedschaft gewinnen. Ausser den Sozialdemokraten: Sie sparten sich den Weg, auch wenn sie sonst nicht viel fürs Sparen übrig haben», erzählte Blocher später in einer Rede als Bundesrat.
Für die SVP entschied er sich, weil sie ihm als gelerntem Landwirt am nächsten stand und nicht den «Standesdünkel anderer Parteien verströmte». 1974 wurde er Gemeinderat, 1975 Kantonsrat. 1977 übernahm er das Präsidium der Zürcher SVP. 1979 zog er in den Nationalrat ein und versuchte, seine Partei auf rechtsbürgerlichen Kurs zu trimmen. Zunächst erfolglos – die SVP dümpelte bei rund elf Prozent Wähleranteil vor sich hin.
Dann kamen die 90er-Jahre und der fulminante Siegeszug. Die Wähler machten die SVP 1999 mit 22,5 Prozent – punktgenau zusammen mit der SP – zur wählerstärksten Partei. «Ich hatte Angst, dass die SVP wieder zusammenfällt. Wenn es steil aufwärts geht, geht es oft auch wieder runter», erinnert sich Blocher. Es kam anders: Mit Ausnahme von 2011 – nach der Abspaltung der BDP – ging es stetig bergauf. Bis zur Rekordstärke von knapp 30 Prozent im Jahr 2015.
Der Hauptgrund für den Durchmarsch war der 6. Dezember 1992. Die Schweiz sagte Nein zum Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Bei einer Stimmbeteiligung von fast 80 Prozent. Es war Blochers grösster Triumph und der Startschuss zum unaufhaltsamen Aufstieg.
«Alles, was Rang und Namen hatte – Wirtschaft, Politik, praktisch alle Zeitungen und natürlich auch der BLICK –, war für einen Beitritt. Hätten wir dazumal Ja gesagt, wären wir heute in der Europäischen Union», sagt der SVP-Patron. In seinen mit dem Alter milder gewordenen Augen blitzt plötzlich Angriffslust auf: «Es ist verrückt, dass alle den Kopf verloren haben. Und jetzt passiert Ähnliches mit den Bemühungen um ein Rahmenabkommen mit der EU. Die meisten Politiker und die grossen Wirtschaftsverbände sind einfach blind.»
Die Schlachten für die Souveränität der Schweiz und gegen internationale Anbindungen – Blocher wird sie weiterführen, solange er atmet. Obwohl er weniger präsent ist als früher, bleibt sein Einfluss ungebrochen. Loslassen kann und will er nicht. Was zuweilen seltsame Auswüchse annimmt, wie die eigens einberufene Pressekonferenz von Mitte April. Er begann diese mit der Aussage, er habe «nicht das Bedürfnis, etwas zu sagen» – und verkündete auch keine Neuigkeiten. Dennoch waren alle Medien da – und blieben.
Ob Blocher ein Auslaufmodell oder noch voll im Saft ist, da streiten sich Freund und Feind. Sicher ist: Er hat nach wie vor Ideen. Diese entstehen auch in Rhäzüns GR. An einer langen Tafel in einem seiner Lieblingssäle des 35-Zimmer-Schlosses. Hier sinniert der ehemalige Magistrat am liebsten, hier entwirft der Stratege Projekte, hier schreibt der Polemiker. Alle berüchtigten Albisgüetli-Reden der letzten 31 Jahre sind über die Neujahrstage an diesem Ort entstanden.
Er wisse nicht genau, woran es liege, aber der Saal entfalte eine wunderbare Stimmung, sagt der fulminante Redner. «In so einem Raum hängt Geschichte.» Hier merke man, dass schon viel passiert sei. Trocken fügt er an: «Vielleicht bildet man es sich auch nur ein, aber das spielt ja keine Rolle.»
Christoph Blocher sieht sich selbst nicht als historische Figur – noch nicht. «Das kann man zu Lebzeiten nicht beurteilen.» Mozart sei auch über 150 Jahre nach dem Tod in Vergessenheit geraten und gelte heute als grösster Komponist aller Zeiten, meint er lachend. Und dennoch: Ohne Blocher wäre die Schweiz eine andere. «Wir wären Mitglied der EU. Ein Nein zum EWR wäre ohne meinen Einsatz kaum möglich gewesen.»
Jeder Winkel von Schloss Rhäzüns verströmt Geschichte. Wann es genau auf dem Plateau aus Moränenschutt errichtet worden ist, bleibt ein Rätsel. Vermutlich hat bereits im 10. Jahrhundert eine Burganlage bestanden, glauben Historiker. Aus dem 14. Jahrhundert stammen bedeutende Wandmalereien mit Motiven aus «Tristan und Isolde».
Auch Napoleon war kurzzeitig im Besitz des Anwesens – jetzt gehört es der Firma Ems-Chemie der Familie Blocher, die es sanft restauriert und mit eigenen Kunstwerken schmückt. So haben viele Werke des Kunstsammlers – die Schweizer Maler Albert Anker, Ferdinand Hodler und Giovanni Giacometti haben es ihm besonders angetan – ein Plätzchen im Schloss gefunden.
Im ehemaligen Zimmer des französischen Feldherrn schlafen in den Ferien jetzt die Enkel des zwölffachen Grossvaters. Des stolzen Grossvaters. «Wenn ich an meine Enkel denke, empfinde ich eine grosse Dankbarkeit gegenüber dem Leben.»
Blocher lud den BLICK anlässlich des 60-Jahr-Jubiläum zu Brunch und Schlossführung auf sein prachtvolles Anwesen ein.
Das Schloss Rähzüns im Bündnerland ist im Besitz der Ems-Chemie, die wiederum der Familie Blocher gehört.
Der SVP-Doyen zieht sich gerne für einige Tage auf sein Schloss zurück. Diese Stube und ein Schlafzimmer hat der 78-Jährige nur für sich und seine Frau Silvia gemietet.
Der düstere Rittersaal des Schlosses wurde im 12. Jahrhundert gebaut.
Blocher zu seiner Abwahl aus dem Bundesrat 2007: Rückblickend sei es nicht mehr als ein «Unglücksfall in meiner politischen Arbeit» gewesen.
«Der BLICK hat mit einer gewissen Schadenfreude geschrieben, dass der ‹Cheib› jetzt weg ist – und dann Frau Widmer-Schlumpf zur Königin der Nation gemacht», sagt Blocher.
Mit BLICK-Bundeshausredaktor Nico Menzato lässt Blocher seine Wahl in den Bundesrat 2003 nochmals Revue passieren.
Das Sitzplätzchen ist zu seinem Lieblingsort auf dem Schluss geworden. «Hier trinke ich am Morgen meinen ersten Kaffee. Über dem rauschenden Wildwasser. Etwas Schöneres gibt es nicht.»
Von diesem Flecken aus sieht man den Rhein zwei Kilometer lang aufs Schloss zufliessen.
Blocher gibt Anekdoten aus seiner Zeit als Industrieller zum Besten. Etwa dass ein chinesischer Kunde in diese Ritterrüstung gestiegen ist – und nicht mehr herauskam: «Wir mussten am späten Abend einen Schweisser herbeirufen.»
Die Familie Blocher restauriert das Schloss aus dem eigenen Portemonnaie. Eine grosse Herausforderung für den Kunstliebhaber war etwa die bedeutende Wandbemahlung aus der Sage «Tristan und Isolde».
Das Schloss Rhäzuns hat insgesamt 35 Zimmer ...
... und einen herrlichen, relativ kleinen Schlossgarten. Allzu viel Umschwung hat es nicht, weil das Anwesen auf einem Plateau aus Moränenschutt errichtet worden ist.
Doch es gibt im Schlossgarten genügend lauschige Ecken, um über Politik zu diskutieren – etwa über den fulminanten Wahlsieg der SVP im Jahr 1999.
Ein Saal mit viel Aura: Hier sinniert der ehemalige Magistrat am liebsten, hier entwirft er Projekte und schreibt.
Er wisse nicht genau, woran es liege, aber der Saal entfache eine wunderbare Stimmung, sagt Blocher. «In so einem Raum hängt Geschichte. Hier merkt man, dass schon viel passiert ist. Vielleicht bildet man es sich auch nur ein, aber das spielt ja keine Rolle.»
Doch nicht nur die Familie darf aufs Schloss. Früher lud Blocher gerne wichtige Kunden für Vertragsverhandlungen ein. Einer von ihnen sei von einer Ritterrüstung derart fasziniert gewesen und habe unbedingt hineinsteigen wollen, erzählt der ehemalige Ems-Chef. Raus habe er es allerdings nicht mehr geschafft. «Wir mussten am späten Abend einen Schweisser herbeirufen.»
Räubergeschichten aus seiner Zeit als Industrieller. Diese endete im Dezember 2003 abrupt. Der Herrliberger wurde Bundesrat. Die Schlagzeile im BLICK: «Silvia Blocher im Glück. Mann gewählt, Tochter schwanger». Blocher, als siebtes von elf Kindern in einer Pfarrfamilie aufgewachsen, schmunzelt an einem Aussichtspunkt des Schlosses auf einem Plastikstuhl sitzend über diese Schlagzeile: Über die schwangere Tochter sei Silvia viel mehr erfreut gewesen als über seine Wahl.
Von diesem herrlichen Flecken aus sieht man den Vorderrhein zwei Kilometer lang aufs Schloss zufliessen. Chinesische Kunden, die für die Ems-Chemie schon immer sehr bedeutend waren, hätten ihm bei diesem atemberaubenden Anblick gesagt, er müsse der glücklichste Mann auf Erden sein. «Ich habe zuerst nicht verstanden, wieso. Aber für Chinesen ist es das grösste Glück, wenn ein Gewässer aufs eigene Haus zufliesst.»
Das Sitzplätzchen ist zu seinem Lieblingsort auf dem Schloss geworden. «Hier trinke ich am Morgen meinen ersten Kaffee. Über dem rauschenden Wildwasser. Etwas Schöneres gibt es nicht», sagt Blocher, der das Volk als einzige, wahrhaftige Entscheidungsgewalt preist und sich als dessen Vertreter verklärt – um gleichzeitig als Schlossherr und Teil einer vermögenden Elite über ebendiesem zu thronen.
Blocher gibt nun weitere Anekdoten aus vergangenen Zeiten zum Besten. So habe er Tochter Magdalena Ende 2003 gesagt, sie müsse wegen seiner Wahl in den Bundesrat die Führung der Ems-Chemie übernehmen. Sie habe aufgrund der Schwangerschaft gezögert, doch der Patron meinte, das schade dem Kindlein doch nicht. «Ich hatte recht. Es ist ein Prachtbursche geworden», sagt Blocher und lacht. Und giftelt sogleich, dass solches früher eben auch ohne Mutterschaftsurlaub möglich gewesen sei.
Nicht nur als Ems-Chefin wandelt Tochter Magdalena Martullo-Blocher (49) seitdem auf Vaters Spuren: 2015 wurde sie Nationalrätin, 2018 ersetzte sie ihn in der SVP-Parteileitung. Folgt sie auch als Bundesrätin? Sie liebäugelt damit, indem sie den typischen Blocher’schen Opfermythos beschwört: Auftrag, Mission, Berufung.
Der 78-jährige Vater schmunzelt: «Wenn ich etwas Gescheites sage, muss meine Tochter ja nicht etwas Dummes sagen.» Mit Liebäugeln habe dies allerdings nichts zu tun. Und das Amt des Bundesrats sei auch nicht das Wichtigste. Entscheidend sei, dass die SVP verhindere, dass in Bern «Chabis» gemacht werde.
Bundesratsamt hin oder her – zuerst muss Martullo um ihren Sitz im Nationalrat bangen. Falls die SVP wie prognostiziert Wähleranteile verlieren sollte, wird es für sie eng. Der gewiefte Stratege stapelt für die Wahlen im Herbst tief: «Steigern kann man sich bei knapp 30 Prozent ja kaum mehr, ausser die anderen Parteien machen richtig grosse Fehler.» Der Höchstwert sei wohl erreicht, die langfristige Priorität sei nun, stabil zu bleiben.
Doch Blocher warnt: «Jetzt dürfen wir bloss nicht den Wählern nachrennen und dadurch unser Profil verflachen.» Nur weil grün gerade in Mode sei, dürfe die SVP den Leuten nicht verbieten, Fleisch zu essen. «Die SVP muss den Kampf gegen Dummheiten führen. Eine Benzinpreiserhöhung bringt dem Klima nichts, schadet den Schweizern aber enorm.»
Sollte die SVP im Herbst tatsächlich die Wahlverliererin sein – eine grosse Schlagzeile wäre sicher. «Der BLICK stand nie auf unserer Seite», sagt das Animal politique gegen Ende der mehrstündigen Führung durch sein Schloss. «Aber die SVP bekommt Platz für ihre Argumente.» Auch habe der BLICK etwa im Abstimmungskampf um die Masseneinwanderungsinitiative prominent über die Probleme berichtet, welche die Migration mit sich bringe, lobt Blocher – und sagt, dass er den BLICK seit 60 Jahren durchblättere.
Im Herbst 1959 hatte er sich als 19-Jähriger schon die allererste Ausgabe gekauft. «Meine Kollegen kritisierten, ich solle doch nicht ein solches Schmuddelblatt lesen», erinnert er sich. Die seien dann aber selbst zum Kiosk geeilt, hätten den BLICK gekauft – und diesen ganz diskret in der «NZZ» versteckt.
Christoph Blocher war nie ein Mann mit Berührungsängsten.
BLICK vom 7. Dezember 1992: BLICK berichtet über Blochers grössten Erfolg. Das Nein an der Urne zum Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR).
BLICK vom 26. Oktober 1999: Bei den Wahlen 1999 errang seine SVP einen grossen Sieg.
Vom Oppositionsführer zum Bundesrat: 2003 wird Blocher Mitglied der Landesregierung.
BLICK vom 16. Januar 2008: Vier Jahre später folgte bereits die Abwahl.
BLICK publizierte Fotos darüber, wie die Blochers aus der Berner Altstadt auszogen.
BLICK vom 7. März 2018: Christoph Blocher zieht sich aus der SVP-Parteileitung zurück. Seine Tochter Magdalena übernimmt.