BLICK vom 28. September 2001

Am 27. September 2001 läuft Friedrich Leibacher (†57) im Zuger Rathaus Amok. Er erschiesst 14 Politiker und verletzt 18 weitere teilweise schwer. Einer von ihnen ist Michel Ebinger (58). Der ehemalige Anwalt lebt heute von der IV. Er erinnert sich an den Schicksalstag.
Anian Heierli (Text, Fotos), Video von Anian Heierli und Rojda Oernek.
Am 27. September 2001 hat die Schweiz ein Stück Unschuld verloren. Friedrich Leibacher (†57) läuft im Zuger Rathaus Amok. Er erschiesst 14 Politiker und zündet eine selbst gebastelte Kanister-Bombe. Danach richtet sich der Attentäter selbst. Während sich der Täter so seiner Strafe entzieht, kämpfen seine Opfer noch heute mit den Folgen. Auch der ehemalige FDP-Kantonsrat Michel Ebinger aus Rotkreuz ZG wurde damals schwer verletzt. Seither ist er stark gehbehindert, sein linker Arm ist gelähmt, und er leidet an Leistungsschwäche.
Zuger Rathaus am 3. Oktober 2001: Noch immer liegt ein Blumenmeer. (Niklaus Wächter)
Leibacher machte den jungen Rechtsanwalt zum IV-Fall. «Shutdown», sagt Ebinger dazu. «Ich musste mein Leben neu ausrichten.» Trotzdem hadert er nicht mit seinem Schicksal. Gefasst sagt er zu BLICK: «Der Psychopath hat mich nicht gebrochen. Ich schaue nach vorn. Es geht immer eine Tür auf.»
Am Tag des Amoklaufs tagt der Kantonsrat zur September-Sitzung. Ebinger erinnert sich: «Nach der Pause ging ich zurück an meinen Platz im Ratsaal. Kurz darauf hörte ich im Gang einen Schuss.» Es ist Leibacher, der sein erstes Opfer aus nächster Nähe mit einer Schrotflinte erschiesst. Danach lässt er die Flinte fallen, vermutlich wegen Ladehemmungen.
Ebinger reagiert blitzschnell: «Ich wusste sofort, dass es ein echter Schuss ist. Ich warf mich flach auf den Boden unter meinen Pult.» Zeitgleich wechselt der Attentäter seine Waffe. Er greift zum Sturmgewehr 90, ballert zwei Mal im Flur auf flüchtende Parlamentarier und betritt den Saal, wo er 29 Schüsse innert 14 Sekunden abfeuert.
Das Attentat passierte am 27. September 2001 im Zuger Rathaus. (Keystone)
Friedrich Leibacher (†57) erschiesst 14 Politiker und zündet eine selbst gebastelte Bombe. (Keystone)
Die Trauer war riesig. Die Bilder gingen um die Welt. (Fabian Biasio)
Der Zuger Landsgemeindeplatz war übersät mit Kerzen. (Niklaus Wächter)
Stundenlang kümmern sich Retter um die Verletzten. (Keystone)
Damals wie heute ist die schreckliche Tragödie kaum fassbar. (Dominik Baumann)
Die Fassungslosigkeit war riesig. (Niklaus Wächter)
Die Anteilnahme unbeschreiblich. (Niklaus Wächter)
Leibacher geht umher und flucht: «Jetzt zeige ich es euch. Jetzt wird aufgeräumt!» Ebinger hat die schrecklichen Bilder noch vor Augen: «Zwischen den Tischen sah ich seine Schuhe und eine tote Person am Boden liegen.» Leibacher feuert eine zweite Salve mit 30 Schuss ab. Dann explodiert der als Bombe präparierte Plastik-Kanister auf der rechten Seite des Saals, während sich Ebinger in unmittelbarer Nähe des Sprengsatzes befindet.
Die Wucht der Explosion schleudert den Kopf des jungen Anwalts hart gegen die Wand. Zu diesem Zeitpunkt endet seine Erinnerung. Dass Leibacher ein drittes 30-Schuss-Magazin leerte und sich am Ende mit einer Pistole in den Kopf schoss, weiss er nur aus Polizeiakten. Der erste Rega-Helikopter fliegt Ebinger ins Spital. Die Lage ist ernst. «Ich hatte eine schwere Hirnblutung», sagt er. «Die Ärzte behielten mich fast zwei Monate im künstlichen Koma.» Er betont: «Das ich noch lebe, ist ein kleines Wunder!»
Die Zeit im Koma ist vor allem für seine Frau und die beiden Töchter schwierig. Zuerst ist unklar, ob der Familienvater überlebt. Dann geht man davon aus, dass er eine schwere geistige Behinderung davontragen wird. «Umso grösser war die Überraschung, als ich aufwachte und sprechen konnte», sagt Ebinger, der sich noch gut an den Moment erinnert: «Ich erkannte meine Familie sofort. Ich hatte starken Durst, dass ich zuerst nach einem Coci verlangte.»
Gottesdienst zum Begräbnis der Zuger Opfer. (Dominik Baumann)
Danach kümmert sich seine Frau zwei Jahre um ihn, bis es zur Scheidung kommt. «Für die Unterstützung bin ich ihr sehr dankbar», sagt er. «Unsere Trennung war schon vor dem Attentat Thema. Wir sind Freunde geblieben. Auch das Verhältnis zu meinen Töchtern ist sehr gut.» Ebinger zieht an seiner Zigarre, lächelt und scheint mit sich im Reinen. Die Frage, ob er Leibacher verzeiht, kann er nicht mit Ja oder Nein beantworten. Er erklärt: «Ich war nie böse auf ihn. Der Täter war hochgradig gestört. So eine Person kann man nicht verurteilen.»
Nach dem Attentat empfindet er sogar Mitleid. Nicht mit Leibacher, aber mit dessen Mutter. «Mir tat die Frau leid, als man bei der Gedenkfeier keine Kerze für ihn anzündete», sagt er. «Ich denke, für sie wäre das wichtig gewesen.» Das Leiden der anderen geht im näher als sein eigenes. Aus diesem Grund sucht er bewusst keinen Kontakt zu anderen Überlebenden. «Das hätte mich nur runtergezogen», sagt er. «Es gibt Opfer und Angehörige, die noch immer leiden. Zum Glück konnte ich rasch damit abschliessen.»
Auf sich selbst bezogen, gewinnt Ebinger dem Attentat sogar Positives ab. «Ich bin weniger hektisch als früher und habe mehr Zeit für Freunde und Familie», sagt er. «Ich bin heute mehr im Dorf, trinke öfters mit Bekannten einen Kafi oder nehme an Anlässen teil.» Früher als Anwalt und Politiker habe er immer geglaubt, dafür keine Zeit zu haben. Er betont: «Bekannte sagen auch, ich sei nicht mehr so arrogant wie vor dem Anschlag. Ob das stimmt, weiss ich nicht.»
Das Zuger Attentat machte Anwalt Ebinger (58) zum IV-Fall.
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Seine Freunde beschrieben ihn als «anständig, unauffällig, intelligent und aufgestellt». Nur wenige kannten die dunkle, kranke Seite von Friedrich Leibacher (†57). Dabei zieht sich die Gewalt wie ein roter Faden durch das Leben des Amokläufers.
Er tötet im Zuger Parlament 14 Menschen. Berechnend. Brutal. Kalt. Friedrich Leibacher (†57) ist der schlimmste Amokläufer der Schweiz. Am 27. September 2001 stürmt er die Sitzung des Kantonsrats. Mit einem Sturmgewehr eröffnet er das Feuer auf Politiker und zündet eine selbst gebastelte Bombe. Danach nimmt er sich das Leben. Am Tatort hinterlässt er einen Abschiedsbrief mit dem Titel «Tag des Zorns für die Zuger Mafia». Es ist ein Schreiben voller Hass, der sich gegen die Regierung und den Kantonsrat richtet.
Das Blutbad verunsichert das ganze Land. Vielerorts werden Kontrollen im Eingangsbereich von Gerichten, Parlamenten und Sozialämtern dauerhaft verstärkt. Doch wer ist der Mann, dessen abscheuliche Tat der Schweiz ein Stück Unschuld für immer genommen hat? Heute ist klar, Friedrich Leibacher hatte zwei Gesichter. Seine Freunde beschreiben ihn wenige Tage nach der Tat gegenüber BLICK als «anständig, unauffällig, intelligent und aufgestellt».
Der Amokläufer Friedrich Leibacher (†57) ist bereits im Vorfeld als Querulant aufgefallen.
Seine dunkle, kranke Seite kannten dagegen nur die wenigsten. Leibacher kommt in Zug zur Welt, absolviert eine KV-Lehre, schlägt sich irgendwie durch, lebt in der Dominikanischen Republik und später in Seelisberg UR. Zuletzt kassiert er eine IV-Rente.
1969 kommt der damals 25-Jährige ein erstes Mal mit dem Gesetz in Konflikt: Er schmuggelt Uhren in die Türkei und sitzt sechs Monate in Istanbul im Gefängnis. Nur ein Jahr später verurteilt ihn das Zuger Strafgericht erneut. Es geht um Vermögensdelikte, Unzucht mit Kindern und Urkundenfälschung. Er wird in eine Arbeitserziehungsanstalt eingeliefert. Nach seiner Entlassung verschickt er fiktive Rechnungen für angebliche Einträge in Branchen-Telefonbüchern.
In den 80er-Jahren ermitteln nun auch die Zürcher Strafverfolgung gegen ihn, wegen Körperverletzung und Betrug. Leibacher ergreift die Flucht. 1985 wandert er aus in die Dominikanische Republik. Er heiratet, wird Vater und lässt sich wieder scheiden. Zwei Jahre später kehrt er mit seiner Tochter zurück in die Schweiz. Er lässt sich in Seelisberg UR nieder, tritt dem Schützenverein bei und lernt dort den Umgang mit dem Sturmgewehr.
Nach einem Stammtisch-Streit 1998 bedroht er einen Chauffeur der Zugerland Verkehrsbetriebe mit einer Faustfeuerwaffe. Es folgen Klagen und Gegenklagen. Von nun an führt Leibacher einen Feldzug gegen kantonale Behörden. Seine Briefe an die Beamten werden immer aggressiver. Er beschimpft sie als «Zuger Mafia» und deckt sie mit Anzeigen ein.
Seinen Freunden sagt er nichts davon. In den Beizen erlebt man ihn als unbeschwert und fröhlich. Trotzdem plant er 2001 seine Tat perfid. Er schreibt ein Bekennerschreiben, bastelt eine Bombe und legt eine Pump-Action, sein Sturmgewehr 90, eine Pistole und einen Revolver bereit.
Bis er seinen kranken Plan am 27. September 2001 in die Tat umsetzt.
Obwohl Ebinger auf der linken Körperseite gelähmt ist, hat er sein Lachen wieder gefunden.