Simon Ammann (38) fliegt seit mehr als 20 Jahren über die Ski-Schanzen dieser Welt. Dabei stürzte er manchmal tief ab, fand aber stets aus dem Loch heraus. Immer mit dabei: BLICK.

Mathias Germann (Text) und Toto Marti (Fotos)


Simon Ammann schaut sich die Titelseite des Sportteils vom 12. Januar 2002 an. «Horror-Sturz mit Tempo 100», titelt BLICK damals. Dazu erscheint eine Serie von sieben Bildern – der berühmte Unfall auf der Schanze in Willingen (De). Böse Erinnerungen, ein Albtraum – könnte man meinen. Doch Ammann sagt heute, 17 Jahre später: «Diese Titelseite macht mich fast ein wenig stolz.»

Wie kommts? Einfach: Ammann verdrängt nicht, was war. Im Gegenteil. Er ist sich bewusst, dass auch dieser Moment zu seiner Karriere dazugehört. Er ist unauslöschlich – so wie die Schlagzeilen, für die er schon seit Jahrzehnten sorgt. «Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zum Boulevard. Es war ein Geben und Nehmen. Ich habe letztlich extrem profitiert, denn der BLICK war für einen grossen Teil meiner Popularität verantwortlich.»

Wobei nicht nur seine Erfolge, sondern eben auch die schlimmen Kapitel dafür massgebend waren, dass man Ammann mochte. So wie jenes in Willingen. Man zitterte, hoffte und fühlte mit ihm mit. «Ich bin froh, dass BLICK-Fotograf Toto Marti diesen Moment so aufnahm. Es war ja das erste Mal überhaupt, dass er bei einem Skispringen dabei war. Und dann war es erst noch ein Trainingssprung. Er hielt voll drauf – man sieht genau, wie es mich einbohrt. Es war eine der ganz grossen Szenen meiner Karriere.»



«Der Sturz nahm mir den Druck»

Tatsächlich kommt Ammann nach seinem Sturz von 2002 mit dem Schrecken davon («Ich hatte riesiges Glück»), lediglich die Schulter schmerzt. Dennoch hätte in diesem Moment niemand auch nur einen Rappen darauf gesetzt, dass er nur einen Monat später bei Olympia etwas reissen würde. Ausser Ammann selbst. «Der Sturz nahm mir den Druck. Ich war frei im Kopf, gut vorbereitet, alles passte zu 200 Prozent», erinnert er sich.



Horror-Sturz in Willingen 2002: Simon Ammann ist «fast ein wenig stolz» auf diese Bilder.



Die Folge: Ammann wird in Salt Lake City (USA) Olympiasieger. Eine Sensation. «Jaaaa, Gold», steht in der Zeitung. Als Ammann kurz darauf gleich nochmals Olympiasieger wird – diesmal von der Grossschanze – ist er längst ein Liebling der Nation. «Davon bekam ich nicht wirklich etwas mit. Wir Skispringer lebten in einer Blase, gaben Interviews – doch was letztlich in den Zeitungen stand, erfuhren wir erst in die Schweiz.»

Als Gold-Held fühlt sich Ammann aber auch nach seiner Rückkehr aus den USA nicht. Dafür ist er viel zu geerdet, geprägt von Eltern und Umgebung. «Im Toggenburg ticken die Uhren langsamer. Ich hatte als Kind nie einen Fernseher, war fast immer draussen, in der Natur. Da merkt man rasch, dass man nicht grösser ist als andere.»

«Ich musste Kämpfe ausfechten, aber nie einen Krieg»

Es sind Werte, die Ammann seinen Kindern Théodore (5) und Charlotte (2) weitergeben möchte. «Das ist mir wichtig», sagt er. Womit wir schon beim nächsten Punkt sind: Ammanns Privatleben. Seit seinem Doppel-Olympiasieg 2002 – er wiederholte das Kunststück 2010 in Vancouver (Ka) – war er in aller Munde. «Es gab viele Geschichten über mich. Das war auch in Ordnung. Doch nachdem ich Yana 2010 geheiratet hatte, kam eine neue Komponente hinzu. Später mit den Kindern sowieso.» Konkret: Ammann wollte nicht alles zeigen, Privates sollte Privates bleiben.

«Es gab viele Anfragen, auch vom BLICK. Ich musste dabei zwar Kämpfe ausfechten, aber nie einen Krieg. Der gegenseitige Respekt war immer da. Ich bin froh darüber.» Das sei auch ein Verdienst von Reporter Hans-Peter Hildbrand. «Er entdeckte mich für die Öffentlichkeit. Ich war 16 Jahre alt, niemand kannte mich. Ausser Hans-Peter. Er begleitete mich während meiner ganzen Karriere. Dabei legte er immer wieder ein gutes Wort für mich in der Redaktion in Zürich ein. Das habe ich zwar so nicht mitbekommen, aber doch gespürt. Dieses Vertrauen war mir wichtig.»

«Ich lebe im Moment»

Noch ist Ammanns Karriere nicht vorbei. Obwohl es schon oft in den letzten Jahrzehnten herbeigeschrieben wurde. «Ich lebe im Moment. Da hole ich mir die Emotionen, die ich brauche.» Sein Ziel für den nächsten Winter: wieder aufs Podest zu fliegen. Sollte er es nicht schaffen, wird das nichts an seinem Status ändern. «Ich finde, es ist, wie Roger Federer sagt: ein riesiges Privileg, im hohen Alter den Sport noch ausüben zu dürfen.» Später werde er dann aber gerne einmal vertieft in den Berichten über seine Karriere stöbern. Sogar eine Anfrage für eine Biografie habe er schon erhalten. Sicher ist: Ammann wird viel zu erzählen haben.