BLICK vom 31. August 1998: Abderhalden wird in Bern zum ersten Mal Schwingerkönig.

Jörg Abderhalden (39) ist der erfolgreichste Schwinger aller Zeiten. Und auch einer, der stets polarisiert hat. Eine Rolle, die ihn nie störte: «Ich ziehe einfach meinen Weg durch. Egal, was die anderen denken.»
Daniel Leu (Text), Thomas Meier (Fotos), Lucas Werder (Video)
Eine eisige Bise zieht an diesem Dienstagmorgen übers Stockengut. Auf der Wiese weiden die Pferde. Nichts erinnert an diesem Mai-Tag daran, dass genau hier vor knapp 17 Jahren Schweizer Sportgeschichte geschrieben wurde.
Am 1. September 2002 wars, als Jörg Abderhalden auf eben diesem unscheinbaren Stück Land den Kilchberger Schwinget gewann. Er war damit der Erste, der sich den Schwing-Grand-Slam holte, den Sieg am Eidgenössischen, am Unspunnen-Schwinget und hier im zürcherischen Kilchberg.
«Das Erste, was mir rückblickend in den Sinn kommt, ist mein für mich eher untypische Freudenausbruch nach dem Schlussgang», erzählt Abderhalden, während er über die Wiese schlendert. «Ich hatte mir im Mai das Kreuzband gerissen und dachte schon, die Saison sei gelaufen. Ich verzichtete dann auf eine Operation und hatte nichts zu verlieren. Als ich im Schlussgang Daniel Odermatt besiegt hatte, war das eine enorme Erlösung.»
Jörg Abderhalden (39) hat nicht nur im Sägemehlring seine Spuren hinterlassen. 2008 wurde er zum Schweizer des Jahres gewählt. «Das war eine Riesenehre für mich.» 2010 musste er wegen gesundheitlichen Problemen zurücktreten. Langweilig wurde es ihm aber nicht. Der dreifache Familienvater führt heute mit seinem Partner die AAK Holzmanufaktur, ist Schwingexperte beim SRF, Technischer Leiter bei den St. Galler Schwingern, im regionalen Skiverband tätig und amtet als Schiedsrichter des «Samschtig-Jass».
Für Abderhalden persönlich war der Kilchberg-Triumph aber nicht sein grösster. «Es ist cool, wenn du das in deinem Palmarès hast, doch das Eidgenössische ist schon noch wichtiger.» Gleich dreimal krönte sich der Toggenburger zum König: 1998 in Bern, 2004 in Luzern und 2007 in Aarau. Insgesamt kommt er auf unglaubliche 51 Kranzfestsiege.
Damit ist Abderhalden neben Ruedi Hunsperger (†2018) der erfolgreichste Schwinger aller Zeiten. Aber auch einer, der konsequent seinen Weg ging und dabei immer mal wieder angeeckt hat. Legendär sein Spruch: «Nur für ein Glöggli gehe ich nicht ans Rigi-Schwinget!» Heute kann er darüber lachen. «Wegen dieses Satzes bekam ich viele wüste Briefe. Doch das war mir egal. Ich wurde nicht Schwinger, um geliebt zu werden.»
Ein ungewohntes Bild: Nach seinem Sieg in Kilchberg 2002 zeigt Abderhalden Emotionen.
Mister Unbesiegbar: 2007 posiert Abderhalden für BLICK als Gladiator. (Foto: Benjamin Soland)
Dieser Preis bedeutet ihm viel: 2008 wird Abderhalden zum Schweizer des Jahres gewählt. (Foto: Keystone)
Samschtig-Jass: Seit dem letzten Jahr ist Abderhalden Schiedsrichter der Kultsendung. (Foto: Marion Nitsch)
Traumpaar: Andrea und Jörg Abderhalden sind Eltern von drei Kindern. (Foto: Christian Merz)
Für jeden Spass zu haben: Abderhalden am Super-10-Kampf 2006. (Foto: Sven Thomann)
Das liebe Geld – es war regelmässig ein Thema während seiner Karriere. «Damals war Sponsoring im Schwingsport verpönt. Das wollte ich ändern.» Zu diesem Zeitpunkt war der Schreiner bereits zweifacher König. «Ich hatte eine Familie, den Sport, das Geschäft und merkte: So kann es nicht weitergehen. Das ist zu viel. Ich wollte einfach mein Arbeitspensum reduzieren und gleich viel verdienen, wie wenn ich voll gearbeitet hätte. So wurde ich zum Winkelried.»
Dank den Werbeeinnahmen war dies möglich. Dass ihm das einige übel nahmen, kann er nachvollziehen. «Das Schwingen lebt vom Frondienst. Unzählige Leute chrampfen an einem Fest den ganzen Tag und erhalten abends eine 50er-Note. Das mache ich übrigens heute auch als Funktionär im Schwingsport. Da sollten die Schwinger nicht übermässig verdienen, aber sie sollten von ihrem Sport gut leben können.»
Abderhaldens Vorschlag damals: Preisgeld statt Naturgaben und Lebendpreise. «Bis heute nimmt praktisch niemand den Siegermuni heim. Und auch wenn die Preise wie Glocken, Schellen und Truhen schön sind, irgendwann hatte ich genug von denen zu Hause.»
Dass der Familienvater sich mit solchen Aussagen nicht gerade bei allen beliebt machte, nahm er in Kauf. Auch die Pfiffe, die es gelegentlich gegen ihn gab. Oder die Briefe mit Nastüchern, die er nach Niederlagen auch schon mal erhielt. «Das hat mir nie etwas ausgemacht. Ich ziehe meinen Weg bis heute durch. Egal, ob es ruppig wird, und egal, was die anderen darüber denken. Der Schweizer hilft immer dem Schwächeren. Sie klatschen so lange, bis du König wirst. Und dann klatschen sie wieder, wenn du besiegt wirst.»
Mit seiner Haltung und seiner Pionierrolle in Sachen Sponsoring hat Abderhalden für die Generation nach ihm den Weg geebnet und war Teil des Schwing-Booms, der bis heute anhält. Beim diesjährigen Eidgenössischen in Zug wird eine imposante Arena für über 56'500 Zuschauer gebaut. Und die teuersten Plätze kosten 245 Franken.
Ist dieser Gigantismus noch mit den guten alten Schwingerwerten vertretbar? «Ja», sagt Abderhalden, «wenn AC/DC für zwei Stunden Konzert 150 Franken verlangt, stört sich auch keiner daran.» Dass ein Eidgenössisches aber längst ein Geschäft ist, weiss auch er. «Es gibt zwei Seiten: das Business und die heile Welt. Genau diese Mischung zwischen Tradition und Moderne macht doch die Faszination des Schwingens aus.»
Und im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten laufe beim Schwingen alles friedlich ab. «In Zug werden 300'000 Menschen erwartet. Trotzdem wird man die Sicherheitsleute nicht wahrnehmen. Ich kann dort auf meinem Platz einfach meinen Rucksack liegen lassen, und wenn ich nach zwei Stunden zurückkehre, liegt er immer noch genau gleich da. Das ist einzigartig!»
BLICK vom 31. August 1998: Abderhalden wird in Bern zum ersten Mal Schwingerkönig.
BLICK vom 2. September 2002: Abderhalden gewinnt in Kilchberg ZH und damit den Schwing-Grand-Slam.
BLICK vom 23. August 2004: In Luzern wird Abderhalden zum zweiten Mal König, auch dank seiner Frau Andrea.
BLICK vom 27. August 2007: Aller guten Dinge sind drei! In Aarau wird Abderhalden zum dritten Mal König.
SonntagsBlick vom 13. Januar 2008: Abderhalden wird zum Schweizer des Jahres gewählt.
BLICK vom 15. Oktober 2010: Für Kilian Wenger ist Abderhalden der Grösste aller Zeiten.
BLICK vom 13. April 2018: Abderhalden wird Schiedsrichter des legendären «Samschtig-Jass».